gastkommentar: Wahlkampfschlager Studiengebühren

Wahlkampfschlager Studiengebühren: Ablenkung von wirklichen Uni-Sorgen Akademikeranteil liegt deutlich unter dem EU-Durchschnitt „Das österreichische Wissenschaftssystem verlangt nach tiefgreifenden Reformen.“

Forschungspolitik ist in Österreich zu einem Nebenthema verkommen: das populistische Tauziehen um die Studiengebühren. Ein zentrales Wahlkampfthema der SPÖ, das sie nun knapp vor der Wahl umsetzen zu wollen scheint – obwohl sie genau das noch unmittelbar nach dem Koalitionsbruch durch die ÖVP abgelehnt hat.
Die Diskussion um die Studiengebühren lenkt aber von den wahren Problemen der österreichischen Forschungslandschaft und der Universitäten ab.

Zunächst aus der Sicht der Studierenden: Die Studiengebühren sind eine ärgerliche Zusatzbelastung. Das Hauptproblem ist aber freilich ein anderes. Viele Studierende sind dazu gezwungen, ihren Lebensunterhalt und nicht nur die Studiengebühren durch Nebenbeschäftigung zu verdienen. Wohnplatz und Bedürfnisse des täglichen Lebens kosten deutlich mehr als die leidigen Studiengebühren. Nur Letztere werden freilich thematisiert. Als ob die Abschaffung der Studiengebühren in den 1970er-Jahren an der sozialen Zusammensetzung der Studierenden ernsthaft etwas geändert hätte.

Aus der Sicht der Universitäten: Der Beitrag der Studiengebühren zu ihrem Budget ist viel zu gering, um ernsthafte Verbesserungen der unbefriedigenden Zustände an den Universitäten zu erlauben. Das Problem mit den Studiengebühren wäre relativ einfach zu lösen: Günstige Studienkredite, die nicht nur die Studiengebühren finanzieren helfen, sondern auch die Finanzierung der darüber hinausgehenden Bedürfnisse der Studierenden gewährleisten und damit ein sorgenfreies Studium ermöglichen, schaffen hier Abhilfe. Die Rückzahlung der Kredite könnte bis zur Aufnahme der Erwerbsarbeit gestundet werden. Wenn dies noch durch eine Grundsicherung unterstützt wird, könnten die Studiengebühren sogar noch auf ein Ausmaß erhöht werden, das den Universitäten ernsthaft helfen würde.

Die Reduzierung der Problematik auf Studiengebühren hilft den Verantwortlichen, von den tatsächlichen Problemen abzulenken. Forschung und Innovation waren in Österreich stets nur Randthemen. Forschungs- und Universitätsagenden waren, mit wenigen Ausnahmen, stets Ministerinnen und Ministern vorbehalten, die an dem Thema kaum Interesse hatten.
Hertha Firnberg, Heinz Fischer und Erhard Busek gehörten zu den seltenen Ausnahmen; der Posten des Wissenschaftsministers wurde Politikerinnen und Politikern anvertraut, die entweder für Höheres bestimmt waren oder ihren Zenit schon überschritten hatten. Das erklärt auch das Kuriosum, dass das
Amt oft Personen anvertraut wurde, die keine Universität besucht hatten.

Das Resultat: Im jüngsten Jiao-Tong-Rating findet man keine einzige österreichische Universität unter den besten fünfzig Universitäten Europas, unter den besten hundert gerade zwei.
Im EU-Durchschnitt studieren 4,54 Prozent der über 14-jährigen Bevölkerung, in Österreich sind es nur 3,65 Prozent. Die absolute Zahl der Studierenden ist seit 1999 kontinuierlich gefallen und hat erst 2006 wieder das Niveau von 1999 erreicht.
Folgerichtig liegt der Akademikeranteil unter den Berufstätigen in Österreich massiv unter dem Durchschnitt der EU-Mitgliedsländer: Während 2006 der Anteil der Akademiker an den Berufstätigen in Österreich 20,5 Prozent ausmachte, war dieser Anteil im europäischen Durchschnitt 28,8 Prozent. Unter den EU-15 liegt Österreich damit auf dem beschämenden 13. Platz.
Natürlich ließe sich argumentieren, dass Österreichs Universitäten noch heute unter den Auswirkungen von Faschismus und Nationalsozialismus leiden. Zahlreiche international renommierte Forscherinnen und Forscher wurden, so sie der Verfolgung entkommen konnten, ins Exil getrieben und nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zurückgeholt. Die österreichische Forschungslandschaft hat sich bis heute nicht davon erholt. Dafür schmückt sich die österreichische Politik mit der Leistung jener, die vertrieben wurden.

Das allein erklärt aber nicht, warum es Österreich in sechzig Jahren nicht geschafft hat, Anschluss an die internationale Forschungsgemeinschaft zu finden. Großartige Leistungen einzelner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können darüber nicht hinwegtäuschen: Das österreichische Wissenschaftssystem verlangt nach tiefgreifenden Reformen.
Solche Reformen kosten viel Geld; es sind aber Investitionen in die Zukunft. Wenn man heute Lehre und Forschung vernachlässigt, kann man in der globalisierten Wissensgesellschaft nicht mehr bestehen.

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten