gastkommentar: Über die Toxizität von Bilanzierungsregeln und „Bad Basel“

Toxisch sind nicht nur Wertpapiere, sondern Bewertungssysteme: „Die These, dass der Markt immer Recht hat, wird zur Chimäre, wenn die Märkte illiquid werden.“

Die derzeit meistgestellte Frage in Wirtschaftsmedien lautet: Wie hochist denn nun der Bestand an faulen (toxischen) Wertpapieren wirklich? Zu
Beginn der Finanzkrise im Sommer 2007 war zunächst noch von etwa einer Billion Dollar die Rede. Seit „Nine Fifteen“ (Insolvenz von Lehman Brothers am 15. September 2008) steigern sich die „seriösen Schätzungen“ ins Unermessliche, zuletzt allein für die europäischen Banken auf bis zu 3,7 Billionen. Mittlerweile geht man dazu über, den Prozentsatz zu nennen, zu dem die Vermögensbestände in den Bilanzen der Banken betroffen sind. Das numerisch Beruhigende an dieser Art von Peilung ist, dass das Ergebnis nie über hundert liegen kann.

Wir sollten aufhören, während der Löscharbeiten objektive Aussagen über die Schadenshöhe der Katastrophe treffen zu wollen. Die Gültigkeitsdauer solcher Angaben wird immer kürzer, proportional zum sinkenden Vertrauen in ihre Seriosität. Viel wichtiger ist es, endlich den systemimmanenten Brandsätzen auf die Spur zu kommen, die dem Feuer ständig neue Nahrung geben. Erst dann können wir das knapper werdende Löschwasser in Form von Staatsgarantien und Geld der Notenbanken so einsetzen, dass noch größerer Schaden vermieden wird.

Zentrale Krisenverstärker sind die kapitalmarktorientierten
Bilanzierungssysteme.
Sie haben im Aufschwung zum Ausweis von (Markt-)Wertsteigerungen in der Bilanz geführt. Das dadurch erhöhte Eigenkapital erweiterte die Verschuldungskapazität und forcierte einen Investitionsboom, der die Buchwerte weiter steigen ließ und – unterstützt durch eine Politik billigen Geldes – die Expansionsspirale in Schwung hielt.

Im Abschwung führen nun sinkende Marktwerte zu radikalen Korrekturen in den Bilanzen. Der damit verbundene Eigenkapitalverbrauch schnürt den Bewegungsspielraum der Banken ein. Die daraus folgende Kreditverknappung bremst die Realwirtschaft. Zur Bilanzsanierung eingeleitete Notverkäufe von Assets („Fire Sales“) führen zu weiterer Wertminderung. Der damit verbundene Eigenkapital- verbrauch: ein fatales Perpetuum mobile mit bis heute ungebremster Schadensdynamik.

Dazu kommen nicht mehr objektivierbare Wertansätze bei wesentlichen Bilanzpositionen, die im Rahmen allzu großer Gestaltungsfreiheiten oft von Bank zu Bank diametral unterschiedlich zu interpretieren sind. Die These, dass der Markt immer Recht hat, wird zur Chimäre, wenn die Märkte illiquid werden und deshalb keine vernünftigen Preise mehr gestellt werden. Das „marked to market“-Prinzip, das im Aufschwung zu immer neuen bilanziellen Höhenflügen inspirierte, schwächt nun das Vertrauen in die Aussagekraft von Bankbilanzen und prolongiert die immer noch anhaltende Lähmung der Zwischenbanken-Kapitalmärkte.

Toxisch ist demnach nicht nur ein Teil des Wertpapierbestandes, sondern das Bewertungs- und Bilanzierungssystem selbst. Das spricht sich mittlerweile auch bei jenen herum, die es jahrelang perfekt für die Darstellung von Wertsteigerungen genützt haben, wie etwa Henry Kravis, der legendäre Gründer des Finanzinvestors KKR. Auf die Frage, wo gute Krisenpolitik überhaupt noch ansetzen könnte, nannte er jüngst als die entscheidende Stellschraube eine Änderung der Bilanzierungsregeln.

Leider tragen die geltenden Bank-Regulative von Basel II (die Eigenkapitalvorschriften, die vom Basler Ausschuss für Bankenaufsicht in den letzten Jahren vorgeschlagen wurden) wenig zur Stabilisierung der Situation bei. Im Gegenteil, sie sind der zweite, prozyklische Krisenverstärker. Schon die Aussicht darauf, mit besseren Ratings versehene Risiken mit weniger Eigenmitteln unterlegen zu müssen, wirkte wie süßes Gift und trug zum Boom der sogenannten „synthetischen“ Wertpapiere (Asset Backed Securities) wesentlich bei.

In seiner blinden Rating-Gläubigkeit fordert das zu einem „Bad Basel“ mutierte System nun bei einer Rating-Verschlechterung der Kreditbestände („Rating Shift“) mitten in der Krise zusätzliche Eigenmittel. Da diese in der aktuellen Situation nur selten von außen zugeführt werden können, verknappen die Banken ihre Kreditvergaben. Jede weitere Trübung der Lage der Realwirtschaft verstärkt die Bewegung weiter nach unten. Während Basel I noch die Bildung von Risikoreserven erlaubte, gehen wir nun ohne jeden Krisenpuffer in den Abschwung.

Dass EU-Kommissar McCreevy vor kurzem mit scharfer Kritik an dieser Art von Bankenregulierung aufhorchen ließ, lässt hoffen, dass ernsthaft an der Entschärfung der Bilanzierungs- und Regulierungssysteme gearbeitet wird. Erst wenn es uns gelingt, deren prozyklische Wirkung konsequent auszuschalten, wird der Flächenbrand beherrschbar und das Schadensausmaß seriös messbar werden.

Eine ausführliche Darstellung findet sich in einem Artikel des Autors für die Zeitschrift Ecolex 2/09, Verlag Manz.

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