gastkommentar: "Helicopter Ben" und die Herausforderung seines Lebens

„Viel Glück für den wirtschaftspolitischen Hexenritt der USA.“

Zum Zeitpunkt, da dies geschrieben wurde (Dienstagabend), erwartete die Finanzwelt eine eher konventionelle Entscheidung der Europäischen
Zentralbank (EZB). Am Donnerstag der Erscheinungswoche dieser FORMAT-Ausgabe tagt der EZB-Rat. Der entscheidet, ob Europa der
Vorgabe der Anglo-Welt folgt und die Leitzinsen radikal Richtung null
senkt oder ob die EU ihrer – kurzen, weil nur zehnjährigen – pragmatischen Zentralbanktradition treu bleibt und die Zinspolitik in moderaten Dosen einsetzt. Am Dienstagabend erschien, wie gesagt, eher Letzteres wahrscheinlich: etwa eine Senkung des Leitzinses um 0,25 Prozentpunkte (auf 2,25 Prozent). Angesichts der Tatsache, dass die Amerikaner bereits bis null hinuntergegangen sind und die Briten ihren Leitzins auf den tiefsten Stand seit 315 (!) Jahren abgesenkt haben (auf 1,5 Prozent) – angesichts dessen wirkt die Haltung der EZB geradezu sensationell „normal“.

Das, was die Geldpolitiker derzeit in den USA tun, erscheint im Vergleich dazu wie ein wahrer Hexenritt. Hierzulande ist viel zu wenig bekannt, in welch absolut irrwitzigem Ausmaß sich Amerikas wirtschaftspolitische Entscheidungsträger darauf eingelassen haben, alles, und zwar wirklich absolut alles, gegen die Krise zu tun. „Irrwitzig“ heißt freilich beileibe nicht „blind“: Es stimmt, dass in Barack Obamas einschlägigem Team die exquisitesten Ökonomen der Welt sitzen. Es stimmt auch, dass Amerikas Notenbankchef Ben Bernanke über jeden Verdacht erhaben ist, eine leichtfertige Personalentscheidung der Ära Bush zu sein. Seit jeher hat sich der akademische Experte Bernanke mit Geldpolitik beschäftigt, sein Ruf als praxisgeeichter Wirtschaftsprofessor war hervorragend. Bloß gilt eines: Exzellenz und Expertentum bedeuten in der jetzigen, sehr speziellen amerikanischen Situation eben nicht, dass bereits bekannte Lehrmeinungen und Vergangenheitserfahrungen für die entscheidenden Personen die Leitschnur des Handelns darstellen. Vielmehr wurde von exakt diesen unbestrittenen Topleuten ein vollkommen neuer, in Wahrheit maximal riskanter Weg gewählt. Nach dem Motto „Historische Zeiten erfordern historische Schritte“. Anders als die EZB, die nach wie vor – auch – auf die Zinspolitik setzt und Zinssenkungsspielraum für etwaige künftige Erfordernisse behalten möchte, hat die US-Notenbank (Fed) die Zinspolitik praktisch aufgegeben: Mehr als auf null zu gehen ist im Sinn einer Wirtschaftsbelebung nicht möglich; jetzt liegt es an der Budgetpolitik, der Fed bei ihrem Bemühen mit einem gewaltigen Ausgabenschubs beizuspringen. Und genau das ist auch der fiskalpolitische Plan, für den sich Barack Obama entschieden hat: Ein Konjunkturbelebungspaket von mehr als 700 Milliarden Dollar entspricht beinahe zehn Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) – eine unvorstellbare
Größenordnung. Zur Erinnerung: Die EU postulierte in ihrem
„Stabilitäts- und Wachstumspakt“, dass das Budgetdefizit eines
Landes drei Prozent des BIP nicht überschreiten darf. Übrigens hält der Ökonomie-Nobelpreisträger 2008, Paul Krugman, selbst diesen horrenden Betrag von über 700 Milliarden Dollar für „viel zu niedrig“.

Die Tatsache bleibt bestehen, dass heute kein Mensch weiß, welche Auswirkungen eine solche Maßnahme in, sagen wir, drei Jahren haben wird. Zumal sie mit einer ganz unkonventionellen Geldpolitik einhergeht, die sich „Quantitative Easing“ nennt: Die Fed kauft massenweise alle Arten von öffentlichen und privaten Wertpapieren aus dem Markt, auf diese Weise hat sie seit Beginn der Krise ihre Bilanzsumme auf bis zu 2.250 Milliarden Dollar verdoppelt. Schon gehen einige Experten davon aus, dass der Betrag in den kommenden Wochen und Monaten auf bis zu 6.000 Milliarden Dollar anwachsen könnte. Wenn man weiß, dass ein solches Wachstum der Bilanzsumme einer Zentralbank Geldmengenvermehrung bedeuten kann (und für die US-Volkswirtschaft in der gegebenen Situation auch tatsächlich bedeutet), dann wird eines klar: dass nämlich diese Politik der Fed, kombiniert mit einem budgetären Riesendefizit, in ein paar Jahren die Gefahr sowohl einer kräftigen Inflation als auch eines Abstürzens des Dollarkurses in sich birgt. Doch wen kümmert heute die Frage, wie man den Gefahren von morgen begegnen kann (dass man sie kennt, muss vorläufig reichen), wo es doch die schlimmste Rezession seit der „Great Depression“ zu bekämpfen gilt. Schon als akademischer Lehrer war Bernanke dafür eingetreten, im Fall einer Wirtschaftskrise die Volkswirtschaft mit Notenbankgeld geradezu zu fluten – und sei es, dass er Geldscheine aus einem Hubschrauber abwirft (von daher kommt sein Spitzname: „Helicopter Ben“). Und genau die beschriebene Situation wurde nun für den Fed-Chef, so die „Financial Times“, zur „Herausforderung seines Lebens“.

Wenn dieser Hexenritt schiefgehen sollte, bedeutet das freilich nicht nur für die USA eine Katastrophe. Unter einem Dollar, der sich im freien Fall befindet, würde die gesamte Welt leiden. Nicht nur, aber auch in diesem Sinne muss Europa den Hexenmeistern in den USA mit aller Kraft die Daumen drücken, dass ihr beeindruckendes Rettungsprojekt gelingt.

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