gastkommentar: Finanzkrise - Wie geht es dem „englischen Patienten“ wirklich?

Horrormeldungen treffen auf britische Nüchternheit. „Das Siechtum des englischen Patienten ist bislang kaum zu merken.“

Was ist der Unterschied zwischen England und Island*? Zwei Buchstaben und ein paar Monate … so witzelt man in der Londoner City. Auch Prinz Andrew, „Goodwill Ambassador“ der britischen Industrie, wies letzte Woche in Davos darauf hin, dass er nach Lektüre des IMF-Berichtes angeregt hätte, einen bescheideneren Salon für seine Cocktail-Party zu mieten als letztes Jahr – es war in der Tat etwas eng. Sind das nur Manifestationen der englischen „stiff upper lip“, oder ist die Situation wirklich so ernst? Schon vor Monaten fühlte sich der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück bemüßigt, die englische Regierung mit ernsten Worten zu warnen. Er ging sogar so weit, die Briten des Keynesianismus zu bezichtigen – schwere Vorwürfe unter sozialistischen Parteigenossen! Dann meldete sich der amerikanische Investmentguru und Motorradfahrer Jim Rogers aus seinem Domizil in Singapur zu Wort: Die englische Wirtschaft sei im Eimer, die Währung sei auch bei $ 1,40 noch überbewertet, man solle jetzt dringend Sterling und überhaupt alle englischen Assets verkaufen. Empfehlungen von Mister Rogers sind allerdings mit einer gewissen Vorsicht zu behandeln: Im Juni 2008 hatte er noch eindringlich geraten, Optionen auf Öl zu erwerben. Mittlerweile hat sich der Ölpreis halbiert.

In den Medien häufen sich die Horrormeldungen über die britische Wirtschaft: Immobilienblase, Konjunktureinbruch, Überschuldung, Währungskrise, Massenentlassungen in der City, Streiks gegen „fremde“ Arbeiter … man würde meinen, Staatsbankrott, Bürgerkrieg und Rückkehr in die mittelalterliche Tauschwirtschaft sind die unvermeidlichen Folgen.
Man soll sich bekanntlich bei der Entwicklung von Stereotypen nicht durch Fakten beirren lassen, aber leisten wir uns doch einen kurzen Blick auf ein paar dürre Zahlen. Zur englischen (korrekt: britischen) Staatsverschuldung: Auch unter Berücksichtigung des 50-Mrd.-£-Fonds der Bank von England belaufen sich die Schulden des öffentlichen Sektors Ende November auf 44 Prozent des BNP – deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Wie werden sich die Rettungsprogramme für die Großbanken darauf auswirken? Die sogenannten „toxic assets“ der britischen Banken werden auf maximal £ 350 Milliarden geschätzt. Bei hohen Ausfallsquoten kann ein Gesamtschaden von £ 120 Milliarden eintreten. Wenn die Banken nichts davon selber schlucken können und die gesamten Verluste in den nächsten zwei Jahren realisiert werden müssen, dann landen £ 120 Milliarden bei den Steuerzahlern. Davon errechnet sich eine Staatsverschuldung für 2011 von etwa 68 Prozent. Das ist zwar unerfreulich, aber immer noch besser als der Durchschnitt für die Eurozone (73 Prozent). Und was ist mit den Fremdwährungsverbindlichkeiten der hierzulande tätigen Banken, die auf schlanke £ 3,1 Billionen geschätzt werden? Das entspricht in etwa dem dreifachen BNP, etwas mehr, als auch den hilfsbereitesten Steuerzahlern zugemutet werden kann. Auch dieses Problem ist aber bei näherer Betrachtung nicht gar so gravierend. Zunächst sind darin auch die Verbindlichkeiten der in England ansässigen ausländischen Banken enthalten. Noch wesentlicher ist, dass diesen Passiva in Fremdwährungen auch Aktiva in Fremdwährungen von etwa £ 4,6 Billionen gegenüberstehen. Im „reichen“ Russland ist dieses Problem viel ernster, weil die gewaltigen Fremdwährungsverbindlichkeiten (die mithilfe der Oligarchen angehäuft wurden) nicht durch entsprechende Aktiva im Ausland ausgeglichen werden.

Auch den Konjunktureinbruch kann man relativiert sehen. Es ist richtig, dass die britische Wirtschaft miserabel dasteht. Das trifft aber auch auf praktisch alle anderen Staaten zu – nur sehen es nicht alle so nüchtern wie die Briten. Die aktuelle Vorschau 2009 des IMF für das Vereinigte Königreich ist ähnlich wie für Deutschland oder Japan: „negatives Wachstum“ (um das politisch inkorrekte Wort „Schrumpfen“ zu vermeiden) von 2,8 Prozent. Zum Vergleich: Das viel zitierte Island wird um zehn Prozent schrumpfen, und auch die asiatischen „tiger economies“ sollen um vier Prozent zurückgehen. Noch ein Datenpunkt ist interessant (bitte aufpassen, Herr Steinbrück): Die Senkung der englischen Mehrwertsteuer – über welche sich der deutsche Finanzminister so lustig gemacht hat – war offenbar doch nicht ganz so blöd, denn die Verkaufsdaten des Einzelhandels waren im Dezember wesentlich besser als erwartet. An der Oberfläche ist das Siechtum des „englischen Patienten“ (bis jetzt) kaum zu merken, schon gar nicht in London: Ich kann im Le Caprice oder The Ivy kurzfristig noch immer keinen Tisch bekommen, und bei Harrods oder Harvey Nichols drängen sich nach wie vor die Shopper – vielleicht jetzt mehr Japaner als Engländer. Wenn man Konsequenzen der Krise sehen will, muss man die Bürotürme der Investmentbanken in der City und die Townhouses der Hedge- und Private Equity Fonds in Mayfair besuchen: Dort ist die Welt nicht mehr heil. Niemand zweifelt noch daran, dass diese Rezession tiefer und länger sein wird als vorhergehende, aber der englische Arbeitsmarkt ist flexibel. Wir sollten auch nicht vergessen, dass die Wirtschaftskrise auch Gelegenheiten bringen wird, Vermögen zu schaffen. Und wer wäre dafür besser geeignet als der Finanzplatz London?

*Im Englischen: „Iceland“

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