gastkommentar: Die Finanz- und Wirtschafts- krise hat Mittel- und Osteuropa erreicht

"Wer dort beachtliche Gewinne erzielte, sollte jetzt für die dortigen Kunden verlässlich bleiben."

Die mittel- und osteuropäischen Länder (MOEL) bieten der österreichischen Wirtschaft Entwicklungspotenziale wie keinem anderen westeuropäischen Land. Sie hat diese auch seit 1990 und – verstärkt – seit der Mitgliedschaft eines Teils der Länder­gruppe in der EU sehr zu ihrem Vorteil zu nutzen verstanden.
Das Wachstum der österreichischen Wirtschaft im laufenden Jahrzehnt übertraf hauptsächlich deshalb jenes der EU. Es gibt kaum stichhaltige Erklärungen, worauf dies sonst zurückzuführen wäre. Auf herausragende Leistungen der Politik doch wohl eher nicht!

Stark zunehmende Präsenz österreichischer Unternehmen in Mittel- und Osteuropa wäre noch für viele Jahre in der Zukunft eine viel versprechende Strategie. Alle Länder in diesem Raum haben noch über Jahrzehnte Aufholbedarf an wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und materiellem Wohlstand, an Investitionen in die Infrastruktur, in die Erneuerung des Gebäudebestandes und in den Umweltschutz. In den letzten zehn Jahren wuchs denn auch das Sozialprodukt der MOEL-Staaten viel schneller als das Westeuropas. Ihr Fortschritt erwies sich als erstaunlich robust gegenüber der westeuropäischen Wachstumsflaute von 2001 bis 2005. Die fortgeschrittensten Länder Ost-Mitteleuropas sind noch dazu und glücklicherweise Nachbarn Österreichs. Slowenien und die Tschechische Republik haben in Bezug auf wirtschaftliche Leistung zum Niveau einiger Westeuropäer, jedenfalls Portugals und Griechenlands, aufgeschlossen und schicken sich an, diese zu überholen. Auch andere im regionalen Umfeld Österreichs, die Slowakei, Polen und Kroatien, sind wirtschaftlich gut unterwegs.

Was wir selbst und die internationale ­Öffentlichkeit bisher als besonderen Vorteil Österreichs angesehen haben, wird nun (siehe „The Economist“, 25. 10. 2008, Seite 30) unter dem Titel „Eastern Europe – stormy times ahead?“ als besonderes Risiko unseres Landes eingestuft. Und ähnlich scheinen die Börsen zu denken, sonst würden sie nicht gerade die führenden und erfolgreichsten ­österreichischen Investoren in den MOEL ganz besonders abstrafen. In der Weltfinanzkrise sieht tatsächlich die Mehrzahl der MOEL besonders verletzlich aus – und von Hegyeshalom ostwärts müssen wir dies in diesen Tagen aus nächster Nähe beobachten. Die meisten dieser Länder verzeichnen hohe Leis­tungsbilanzdefizite, verschulden sich also laufend im Ausland, nicht nur, um Investitionsgüter, sondern auch, um westliche Konsumgüter importieren zu können.

Wer die glitzernden Shopping-Malls in Budapest, in Zagreb, in Krakau und in Warschau kennt, mit Boutiquen sämtlicher westlicher Edelmarken, elegant wie kaum eine in Wien und durchaus nicht nur von Schaulustigen, sondern von zahlenden Kunden belebt, mit den gleichen anspruchsvollen Waren und dem gleichen Preisniveau wie bei uns, der fragt sich, ob da noch für Ersparnisse genug übrig bleibt. Bezogen auf das – weit niedrigere – persönliche Einkommen spart zwar die Bevölkerung in MOEL nicht weniger als in Westeuropa; bezogen aber auf den ungeheuren Nachholbedarf an Zukunftsinves­titionen und an Aufholen-Müssen sicher zu wenig. In den Nachkriegsjahrzehnten war in Österreich die private Spar­quote annähernd doppelt so hoch wie heute und ebenso nahezu doppelt so hoch wie in den neuen Mitgliedsländern der EU.

In manchen Ländern – leider wieder Ungarn als Beispiel, aber nicht als einziges – haben sich die privaten Haushalte in westli­cher Fremdwährung verschuldet und „Subprime“-Hypotheken aufgenommen, die wir nun sattsam von anderswo kennen. Jetzt stehen nicht nur die Preise dieser Immobilien unter Druck, sondern auch noch die heimische Währung gegen die Fremdwährung. Die kleinen Währungsgebiete sind angesichts der bescheidenen Feuerkraft der sie verteidi­genden nationalen Notenbanken ein gefundenes Manövergebiet für Wechselkursspekulation. Erschwerend kommt hinzu, dass Budgetreformen, Kürzungen von Sozialleistungen, ethnische Konflikte und mangelnde Erfahrung nicht wenige Regierungen in diesem Raum ungenügend sattelfest und durchschlagskräftig erscheinen lassen. Und dann ist da noch das Risiko, in einer Weltkrise hochgradig von ausländi­schen ­Unternehmen abhängig zu sein. Die haben vielleicht zuhause alle Hände voll zu tun, um sich durchzuschlagen, und könnten dazu neigen, die eben eroberten Märkte aufzugeben.

Die weltweite Vertrauenskrise hat die MOEL nicht verschont. Jetzt wird sich weisen, wer wirklich an der Vision eines größeren Europa ein strategisches Interesse hat. Wer in den letzten ­Jahren dort beachtliche Gewinne erwirtschaftet hat, hat eine gewisse Verpflichtung, für die dortigen Kunden und Geschäftspartner möglichst verlässlich zu bleiben. Die EIB in ­Luxemburg und die EBRD in London haben gerade angekündigt mitzuhelfen, die Konsequenzen der Weltfinanzkrise für die MOEL mit verstärkten Kreditlinien und mit Kapital zu lindern.
Der Währungsfonds war schon in Kiew und in Budapest, um Milliardenpakete an Standby zu geben. Lassen auch wir in Österreich die Beziehungen nicht abreißen! Zeigen wir unseren Partnern, dass wir unsere Position dort nicht leichtfertig aufgeben und dass wir nach wie vor an einer gemeinsamen Entwicklung in der Zukunft interessiert sind!

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