Für eine farbenblinde Wirtschaftspolitik

Für eine farbenblinde Wirtschaftspolitik

Das überholte Lagerdenken verhindert eine Wirtschaftspolitik, die in Österreich mehr erfolgreiche Unternehmen hervorbringen würde.

Skifahren, Donauwalzer, Stephansdom, Berge und Wälder: In Umfragen sind dies die Ecksteine der österreichischen Identität. Als Kulturnation und Tourismusland hat Österreich, mit kräftiger Unterstützung der Politik, die Verwertung dieser Eigenschaften zur Meisterschaft entwickelt. Dennoch wächst bei jüngeren Generationen das Unbehagen, nicht nur vom Erbe zehren, sondern in einer globalisierten Wirtschaft unternehmerisch mitmischen zu wollen.

Österreich hat jedoch nicht nur als Kulturnation und Tourismusland beste Chancen, sondern auch als Heimat erstklassiger Unternehmen. Der Fall des Eisernen Vorhangs hat uns eine einzigartige Poleposition in der CEE-Region beschert, die exzellent genutzt wurde. Und unabhängig von der Ostöffnung, die im Scheinwerferlicht stand, haben österreichische Unternehmen international reüssiert und sich in ihren Märkten als Weltmarktführer etabliert, wie Red Bull, Do&Co, RHI, Wienerberger, Rosenbauer, Doppelmayr, Andritz oder der Luftfahrtzulieferer FACC.

Aber während Kultur und Tourismus oft eine Hof- und Staatsaffäre sind, wie politische Debatten um die Leitung von Burg und Oper zeigen, sind Wirtschafts- und Industriepolitik eher Stiefkinder der Politik. Auf die politische Tagesordnung gelangen meist nur spektakuläre Pleiten wie die Hypo Alpe-Adria, Stellenbesetzungen oder Einfälle für Sondersteuern wie bei der Versteigerung der Mobilfunkfrequenzen. Dazu kommt eine Aversion gegen allzu großen Erfolg: Wenn ein Unternehmer brilliert und gute Gewinne macht, weckt dies eher Skepsis als Bewunderung. Dieses unter dem Stichwort "Neoliberalismus“ liebevoll gepflegte Vorurteil ist die perfekte Anleitung zum wirtschaftlichen Unglücklichsein, um den Beststellertitel des erst in den USA groß gewordenen Sohn Österreichs, Paul Watzlawick, zu paraphrasieren.

Staat und Regierung sollten es darum zur Priorität machen, "entrepreneurial culture“ und international erfolgreiche Unternehmen zu einer tragenden Säule österreichischer Identität zu machen. Erfolgreiche Unternehmen fallen nicht vom Himmel, sie brauchen neben Talent ein nährendes gesellschaftliches Umfeld, das an ihrem Wachstum, nicht ihrer Begrenzung interessiert ist. Mit Josef Schumpeter und Peter Drucker gehören zu Österreichs Erbe auch herausragende Wirtschaftsdenker, die Unternehmen als Fundament wohlhabender Zivilgesellschaften erkannten.

Eine solche wirtschaftspolitische Ausrichtung ist oft nicht populär, bringt eher Misstrauen denn Zustimmung bei breiten Wählerschichten. Häufig ernten politische Gegner den Nutzen unpopulärer Reformen: In Deutschland war dies das Schicksal von Gerhard Schröders Agenda 2020, die aufgrund ihrer Sozialreformen die SPD die Kanzlerschaft kostete, während sie Angela Merkel die Grundlage für wirtschaftlichen Erfolgs lieferte.

Mein Wunsch an die Regierung: Kanzler und Vizekanzler müssen als oberste Vertreter der Wirtschaftspolitik eine optimale Basis für erfolgreiche Unternehmen schaffen, letztlich im Interesse ihrer Wählerschaft, deren Wohlstand vom Standorterfolg abhängt. Die Zuordnung nach dem Muster "Arbeitnehmer den Roten, Arbeitgeber den Schwarzen“ ist längst überholt, in der Regierung führt sie nur zur Blockade. Grüne und Neos sollten aufpassen, nicht in die gleiche Falle zu tappen: Wirtschaftspolitisches Denken ist farbunabhängig. Gerade bei den Jungen ist die Lust an Reformen groß, die eigenen unternehmerischen Spielraum fördern. Fehlen die Reformen, wächst die Unlust, und das öffnet die politischen Ränder: In Deutschland nach links, in Österreich nach rechts, und in jedem Fall Anti-EU. Mit der Perspektive meiner eigenen Erwartung, noch 30 Jahre im Arbeitsleben zu stehen, gesprochen: Diese Blockade muss die Politik überwinden, damit auch in Österreich Platz für "das nächste Silicon Valley“ gemacht wird.

Zur Person: Andreas Bierwirth ist seit September 2012 Vorsitzender der Geschäftsführung von T-Mobile Austria. Davor war der gelernte Bankkaufmann, promovierte Betriebswirt und Berufspilot von 2008 bis 2012 als Marketing- und Finanzvorstand der Austrian Airlines u.a. für die Privatisierung der Airline verantwortlich.

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