"formatiert": Warum glauben wir, dass
Jobs nur durch Wachstum sicher sind?

"Die Frage, ob ein Leben auch ohne iPod lebenswert sein kann, ist idiotisch. Innovationen sind gut."

Unzählige Male hat man von österreichischen Managern den Satz gehört: „Am Heimmarkt gibt es kein Wachstum mehr – aber wir wachsen in Osteuropa.“ Der beruhigende Nachsatz machte es uns leicht, eine Binsenweisheit zu verdrängen: nämlich dass unendliches Wachstum unmöglich ist. Die durchschnittlichen Steigerungsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) sind in den hochentwickelten Staaten während der letzten drei Jahrzehnte immer niedriger geworden. Und sie tendieren gegen null, je gesättigter eine Volkswirtschaft ist. Die Kritik am Wachstums-Dogma kam meist aus ideologischen Ecken, die sich ohne große Umstände in die Nähe romantischer Schwärmerei oder Öko-Spinnerei rücken ließen.

Aber jetzt hat die Krise den Sand gehörig aufgewirbelt, in den Amerikaner und (West-)Europäer ihren Kopf gesteckt haben. Erstens weil klar wurde, dass der Wirtschaftsboom zwischen 2002 und 2007 eigentlich gar nicht so wirklich einer war, sondern eine durch ungeheures Kreditwachstum erzeugte Blase, die gar nicht anders konnte, als zu platzen. Wenn eine Immobilie zuerst 100 kostet, im nächsten Jahr 120 und im Jahr dar­auf 150, dann macht sich das super im BIP, geht sich aber irgendwann nicht mehr aus. Zweitens brachen – mehr oder weniger vorübergehend – auch die hochgejubelten Wachstums­märkte ein, was den Schock perfekt machte. Plötzlich sind auch den Experten der OECD, dem deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler, einem Ökonomen und früheren Präsidenten des Internationalen Währungsfonds, oder dem französischen Staatschef Nicolas Sarkozy Zweifel gekommen, ob ein ausschließlich auf Wachstum basierendes Wirtschaftsmodell noch weiter funktionieren kann. Das BIP, das die Preise aller Produkte und Dienstleistungen addiert und ins Verhältnis zum Jahr davor setzt, wird als alleinige Maßzahl der Wirtschaftspolitik infrage gestellt. Die EU hat ein Papier mit dem Titel „Jenseits des BIP“ herausgebracht.

Kündigt sich da eine Revolution an, die zu einem radikalen Umbruch führen wird? Ja und nein.  Nein, weil Wachstum nach wie vor ein wichtiges Ziel bleiben wird (und muss). Ein Sys­tem, das sich mit dem Erreichten zufrieden gibt und sich zum Einfrieren des Status quo entschließt, würgt jeden Fortschritt ab. Die Frage, ob nicht auch ein Leben ohne iPod oder ohne PlayStation III lebenswert sein kann, ist idiotisch. Wachstumspessimismus darf nicht die Innovationskraft lähmen. Im Gegenteil. Neue und immer bessere Produkte müssen her. Und die Produktivität bei deren Erzeugung wird – hoffentlich – weiterhin stetig steigen. Nichts deutet darauf hin, dass sich saturierte Volkswirtschaften plötzlich kollektiv dem Motto mancher Systemkritiker verschreiben: Geld ist nicht so wichtig, sondern gute Beziehungen zwischen den Menschen und der Blick aus dem Fenster auf blühende Wiesen.
Ja, es wird trotzdem zu einem Umbruch kommen. Weil gar nichts anderes übrig bleibt, als ein System, das nur auf Wachstum fixiert ist, weiter zu entwickeln. Österreichische, deutsche und amerikanische Unternehmen werden noch eine Zeit lang auf osteuropäische, asiatische und afrikanische Märkte ausweichen können, um ihre Umsätze zu erhöhen. Das ändert aber nichts an der simplen Tatsache, dass dem Mengenwachstum Grenzen gesetzt sind. Wenn Arbeitsplätze nur erhalten werden können, indem immer mehr Güter hergestellt werden, die keiner mehr braucht, wird es für die Politik langsam Zeit, über Alternativen nachzudenken.

Muss ein Anstieg der Produktivität zwingend durch höhere Löhne abgegolten werden?  Was Unternehmen zur Umsatzausweitung zwingt. Zumindest für Besserverdiener sind Modelle vorstellbar, in denen ein Verzicht auf Lohnzuwächse durch eine Reduzierung der Arbeitszeit kompensiert wird. Solche Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohnausgleich werden in Zukunft eine viel größere Rolle spielen. Die Zunahmen von Kurzarbeit und Bildungskarenz in der Krise waren schon Vorboten dafür. Aber vor allem die Sozialdemokratie tut sich mit solchen Überlegungen schwer, weil sie sich nur langsam vom traditionellen Arbeiterbild lösen kann. Eine gesunde Art, den Produktivitätszuwachs zu bremsen, ohne die Innovationsbereitschaft von Unternehmen zu zerstören, wäre eine seit langem ergebnislos diskutierte Änderung im Steuersystem: niedrigere Belastung von Arbeit, höhere ­Belastungen auf den Verbrauch von Ressourcen. Überhaupt scheint sich in der EU, der OECD und sogar in den USA langsam die Erkenntnis durchzusetzen, dass die Verwendung endlicher Ressourcen in die Messung der Wohlstandsentwicklung mit einbezogen werden muss, was im BIP völlig fehlt. Dann würde sich auch der Fokus automatisch vom reinen Mengenwachstum weg verschieben. Wer unbedingt Wachstum braucht, sind die Staatshaushalte, weil sie sonst von ihren Schulden erdrückt werden. Dieses Problem wird am schwierigsten zu lösen sein.

lampl.andreas@format.at

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten