"formatiert": Von Kindergarten bis Uni - Der Bildungssektor braucht radikale Reformen

"Der Wirtschaftsstandort ist ein ­Wissensstandort, das Land benötigt mehr Akademiker."

Small Talk mit einem erfolgreichen deutschen Manager über den hiesigen Studentenaufstand: Der würde mit einem Pyrrhussieg enden, so sein leicht resignierender Befund. Erreichen würden die jungen Leute viel Öffentlichkeit und ein wenig mehr Geld, folgen würde aber ein System der Zugangsbeschränkungen „wie bei uns daheim, leider. Denn da geht der alte Universitätsgedanke ver­loren, nach Lust und Laune zu gustieren, was einen wirklich interessiert. So wie ich das gemacht habe.“ Ich übrigens auch: Meine zwei Studienfächer habe ich erst am Inskriptionsschalter gewählt, es war fast Zufall, dass ich bei ihnen geblieben bin.

Ein schönes Ideal: die Uni als Ort verwirklichter Humboldt’scher Vorstellungen von breiter Allgemeinbildung, der Einheit von Forschung und Lehre, der Aneignung neuen Wissens ohne direkten Bezug zu den Verwertungsmöglichkeiten im späteren Beruf und zu den Anforderungen des Wirtschaftslebens an die Absolventen. Schön, aber unrealistisch.
Und unter den jetzigen Voraussetzungen auch unsozial: Die jährlichen Bildungsstatistiken der OECD lassen keinen Zweifel daran, dass in Österreich seit Jahrzehnten Hochschulen ein Ort der sozialen Reproduktion sind. Es studieren – mehrheitlich – Kinder von Besserverdienenden, vor allem Akademikern; der Zugang aus anderen sozialen Schichten stagniert. Gefährlich: Denn Öster­reich wird im globalen Wettbewerb nur mit gut ausgebildeten ­Arbeitskräften bestehen können, vor allem auch akademisch ausgebildeten. In einem Weißbuch hat das WIFO festgestellt, die Zeiten seien vorbei, in denen vor allem die bewährte sekundäre Bildungsstufe (die berufsbildenden Zweige der Fachschulen und Lehranstalten) der hiesigen Volkswirtschaft die nötigen Qualifikationen beschert habe. Nachdem die Industrie ihre technologische Aufholphase beendet habe, müsse man in forschungs- und wissensintensivere Branchen vordringen: „Mit der Notwendigkeit, in der höchsten Qualitäts- und Technologiestufe präsent zu sein, bestimmt die Position bei den Tertiärabschlüssen immer stärker die Wettbewerbsfähigkeit.“ Der Bildungsforscher Hans Pechar von der Klagenfurter Uni übersetzt das so: „Der Wirtschaftsstandort ist ein Wissensstandort, das Land benötigt mehr Akademiker.“

Es ist ein bildungspolitischer Skandal, dass Österreichs ­Akademikerrate am Ende einschlägiger Rankings entwickelter Industriestaaten liegt, nur knapp vor der Türkei. Dieses Armutszeugnis gehört abgeschafft. Einmal durch grundlegende Reformen im primären und sekundären Bereich: indem etwa Kindergärt­nerinnen ebenso wie in anderen Ländern eine akademische Ausbildung erhalten – eine durch die Einführung des kostenlosen
(ab jetzt) und verpflichtenden (ab 2010) Kindergarten- (eigentlich: Vorschul-)jahres nicht nur aus statistischen Gründen wesentliche Forderung. Oder indem es endlich einen einheitlichen Schultyp bis zum 14. Lebensjahr gibt (für Gesamtschulphobiker: natürlich mit vielen Differenzierungen nach Interessen und Leistungen) und Kinder nicht schon mit 9, 10 Jahren negativ selektiert werden.
Natürlich gehört auch der tertiäre Bildungsbereich gründlich verändert. Eine höhere Akademikerrate setzt mehr Studenten vor­aus, vor allem mehr Absolventen. Die lange Studiendauer (bis vor kurzem auch noch eine international überdurchschnittliche Drop-out-Quote) liegt vorrangig an miesen Studienbedingungen, überfüllten Hörsälen und Laboren, an schlecht bezahlten und/oder sozial wenig abgesicherten (meist jüngeren) und demotivierten und/oder überforderten (meist älteren) Lehrkräften, für die das Ideal vereinbarter Forschung und Lehre ebenso zur Illusion geworden ist wie für die Studenten der „freie Hochschulzugang“.

Man sollte damit Schluss machen:
• Etwa durch klare Finanzierungsregeln: Warum erhalten Unis öffentliche Gelder nicht ihrer Studentenzahl entsprechend („Studienplatzfinanzierung“)? Und sollte man die Ausgaben für Forschung und Lehre nicht transparenter trennen als bisher?
• Etwa durch „Orientierungsphasen“, in deren Verlauf nicht vorrangig „rausgeprüft“, sondern gründlich informiert werden soll – über Verlauf des Studiums ebenso wie über die Jobchancen danach.
• Etwa durch Begrenzungen in unmittelbar berufsorientierten Fächern: Der Bedarf an Zahnärzten ist absehbar – damit auch jener an Studenten der Zahnmedizin.
• Vor allem durch die Verwirklichung des einst groß verkündeten Ziels, das Unibudget von derzeit 1,3 auf 2 Prozent des BIP anzuheben (USA: 2,9, Dänemark und Finnland je 1,7).
• Eine generelle Einhebung von Studiengebühren ist wohl nur dann argumentierbar, wenn sie direkt für die Unis ver­wendet werden und nicht wie zwischen 2000 und 2006 für das Stopfen allgemeiner Budgetlücken. Ein Tabu sollten sie nicht sein: Sie existieren in den meisten anderen europäischen Ländern, meist in geringer Höhe, weit unter jenem Betrag, den Eltern heute für die vielfältige Betreuung ihrer Kinder auf der ersten und zweiten Bildungsstufe ausgeben müssen.

Okay, einiges davon widerspricht der hehren Vorstellung von einem ungesteuerten Zugang zum Studium und dessen möglichst ungeregeltem Verlauf. Entspricht aber seinem veränderten Stellenwert: Die universitären Zeiten alleiniger schöngeistiger ­Erbauung sind (leider) längst vorbei, die Hochschulen zu entscheidenden Faktoren in einem lebenslangen Bildungsprozess geworden.

pelinka.peter@format.at

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