"formatiert" zur Umverteilung: Steuerzahler sorgen für fette Spekulanten-Gewinne

"Mit billigem Geld vom Staat macht das Spekulieren erst richtig Spaß. Gewinne quasi garantiert."

Der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, hat den Zynismus in einen Satz gegossen: Die Gesellschaft müsse akzeptieren, „dass der Staat in systemischen Bankenkrisen der Aktionär der letzten Instanz bleibt“. Die öffentliche Hand darf – ja muss – Geld rüberschieben, um von Banken angerichtete Schäden zu reparieren. Aber danach soll sie sich wieder ruhig verhalten. Tschüss – bis zum nächsten Mal!

Der Traum des Finanzmanagers: Wenn es schiefgeht, kurz die Marktkräfte außer Kraft setzen – und dann wieder Marktliberalismus pur. Die Gesellschaft als Auffang-Gesellschaft. Eigentlich hätte diese Krise klarmachen müssen: Wenn es opportun ist, dass Staaten Finanzkonzerne vor der Pleite retten, dann ist auch geboten, dass ihnen Regeln auferlegt werden, damit sie nicht ganze Volkswirtschaften gefährden. Das ist kein Linksruck, sondern nur konsequent. Doch das Gegenteil passiert. Die Billionen Euro und Dollar, die Regierungen und Notenbanken in die Stabilisierung der Weltwirtschaft pumpen, haben zwar oft die gewünschten Effekte erzielt, aber mehr noch füllen sie die Taschen der Spekulanten. Und zwar weitgehend ungehindert, so als wäre nichts gewesen. Die Märkte werden mit billigem Geld überschwemmt. Die Banken werden mit günstigem Eigenkapital verwöhnt und können sich Geld für ein Prozent Zinsen leihen – mit dem sie munter Wertpapiergeschäfte auf eigene Rechnung machen und klarerweise prächtig verdienen. So macht Spekulieren Spaß. „Das sind die profitabelsten Zeiten, die es jemals gegeben hat“, zitiert das Magazin „Der Spiegel“ den Chef des Investmentbankings von JPMorgan, Bill Winters. Bei der Kreditvergabe an die Realwirtschaft gehen die Banken weniger hurtig ans Werk. Da nehmen sie ungern Risiko. Aber wieso sollten sie auch?

Bei Finanzprodukten ist die Scheu vor dem Risiko aber schon wieder im Schwinden.  Die Preise vieler Rohstoffe sind seit Jahresbeginn um 100 Prozent und mehr gestiegen, was nichts mit gestiegener Nachfrage, sondern damit zu tun hat, dass Unsummen investiert wurden. Der Handel mit Finanzderivaten nimmt wieder rapide zu. Selbst die berüchtigten CDOs, in denen gebündelt Kredite verkauft werden, feiern in neuer Verpackung ein Comeback – mit Ratings der gleichen Agenturen, die auch vorher am Werk waren. Was etwa Böhler-Boss Claus Raidl in Rage bringt: „Es ist ein echtes Marktversagen, dass die Rating-Agenturen keine Marktanteile verloren haben.“ Die Finanzinstitute, vor allem die großen Investmentbanken, fahren Profite ein wie selten zuvor: mit Geld, das die Regierungen gegen die Krise einsetzen und das Hunderte Millionen Steuerzahler auf der Welt noch jahrelang werden abstottern müssen. Eine gigantische Umverteilung zu geschickten Finanz-Playern und in die Taschen von Brokern, auf die für 2009 wieder fette Boni warten. Vom an sich selbstverständlichen Grundsatz, dass niemand mehr Risiko nehmen darf, als er selbst tragen kann, ist nach wie vor keine Spur. Je höher das Risiko, desto höher der Bonus. Das ist die goldene Regel kleiner Trader und großer Bosse. Das Schlimmste, was passieren könnte, ist irgendwann der Jobverlust.

Die Warnungen vor einer nächsten Blase sind nicht leeres Geschwätz, sondern ernst zu nehmen.  Die Gefahr liegt in der Luft, dass wieder Scheinwerte erzeugt werden, die jetzt einige reich und am Ende viele ärmer machen. Diesmal direkt gefördert durch öffentliche Gelder. Das ist kein Jammern gegen den Aufschwung an den Kapitalmärkten. Im Gegenteil: Die Erholung an den Börsen hilft der Wirtschaft insgesamt. FORMAT startet gerade diese Woche ein Börsespiel, das Lesern die Mechanismen besser begreiflich machen soll. Ohne Investments in Aktien ist eine entwickelte Marktwirtschaft kaum denkbar. Aber: Es fehlen nach wie vor die neuen Regeln, die verhindern, dass sich Teile des Finanzsektors zu einer irrealen Scheinwelt entwickeln. Mit absurden Renditeerwartungen, die real keine Entsprechung haben. Was ist mit den Versprechungen von US-Präsident Obama? Spekulieren muss unattraktiver gemacht werden, aber nichts dergleichen ist im Moment absehbar.

Viel war von einer Finanztransaktionssteuer die Rede. Die wird nicht kommen. Eine Verpflichtung der Banken, ihre Geschäfte mit mehr Eigenkapital zu unterlegen (was die Sicherheit erhöhen und die Gewinne schmälern würde), die soll umgesetzt werden. Aber wann und in welchem Ausmaß? Die Idee, in den Bilanzierungsregeln wieder stärker auf das Vorsichtsprinzip zu setzen, ist eine solche geblieben. Es gibt auch noch keine echten Strategien der Notenbanken, wie sie die Flut an billigem Geld wieder abziehen wollen, ohne die Konjunktur total abzuwürgen. In der EU gibt es einige bemühte Ansätze wie die geplante Zusammenarbeit der Finanzmarktaufsichten. Bewegen wird das alleine nicht. Wenn es den Staaten nicht einmal jetzt, wo sie gerade die Zeche für die letzte Party bezahlen, gelingt, Änderungen im System durchzusetzen – dann ist das fatale Signal an die Finanzbranche: Kein Risiko auslassen, ewige Party, es wird immer bezahlt. Nur manchmal kurz vom Saufen erholen.

lampl.andreas@format.at

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten