"formatiert": FORMAT-Chefredakteur
Peter Pelinka zieht die Bilanz einer Dekade

"Die Katastrophen dieses Jahrzehnts: Terror und ­Tsunami, ­Fi­nanzkrise & Klimawandel."

Ein „Jahrzehnt der Hölle“ nennt das US-Magazin „Time“ die eben zu Ende gehende Dekade. Dieser extrem negative Befund spiegelt die amerikanische Sichtweise. Aus europäischer Perspektive kann man es neutraler formulieren: Es war ein höchst bewegtes und bewegendes Jahrzehnt, dieses erste des 21. Jahrhunderts. Ein Jahrzehnt, in dem die Welt noch stärker zusammenwuchs, im Guten wie im Schlechten. Positiv erlebbar etwa durch neue globale Kommunikationsformen: durch die Verbreitung von Handys, die zu weit mehr verwendet werden können als „nur“ zum Telefonieren; oder durch das Internet, das mittels Google, ­Wikipedia und YouTube zum schnellsten Informations- und Unterhaltungsmedium geworden ist – und durch neue „Netzwerke“ wie Facebook oder Twitter inzwischen auch zu einem sozialen Forum.

Für die enormen technologischen Neuerungen kann der iPod stehen, als „Absteiger“ das Auto, symbolträchtig mit Abwrackprämien bedacht. Das einstige Statussymbol ist zum hinterfragten Fortbewegungsmittel geworden, gebremst durch Staus und Klimadebatten, überlebensfähig nur in kleinerer und sparsamerer Form. Infrage gestellt vor allem von den „Lohas“ mit ihrem „Lifestyle of Health and Sustainability“, für die „der Schutz der Umwelt nicht Verzicht oder einen Opfergang bedeutet, sondern mehr Lebensqualität bringt und unseren Wohlstand sichert“ (der neue deutsche Umweltminister Norbert Röttgen). Vor allem dadurch, dass die Wirtschaft selbst „grüner“ wird – durch Umwelttechnik, Wärmedämmung, alternative Energieproduktionen. Ein Zeichen für die prinzipielle Lernfähigkeit echt marktwirtschaftlicher, nicht von Spekulationsblasen verzerrter Systeme.

Besonders dramatisch aber die zwei negativen Eckpunkte des Jahrzehnts: der folgenschwere Terrorangriff am 11. September 2001, der in der Folge zu zwei Kriegen – im Irak und in Afghanistan – führte, an denen die Welt noch heute leidet. Der angesagte „Krieg gegen den Terrorismus“ ist noch lange nicht gewonnen und verlor in einem Fall – dem lügenhaft begründeten Kreuzzug gegen Saddam – ­seine moralische Legitimierung. Gegen Ende des Jahrzehnts dann der finanzielle Fast-GAU: die schwerste Finanzkrise seit Ende der Zwanzigerjahre zog nur deshalb nicht ähnlich fürchterliche Folgen wie damals nach sich, weil die ökonomischen und politischen Netze heute enger gespannt sind als in den Zwischenkriegsjahren. Wobei es seither nur wenig Anzeichen dafür gibt, dass es künftig wirklich wirksame Regeln ­gegen jene spekulative Variante des Kapitalismus geben könnte, welche die „Realwirtschaft“ so schwer in Bedrängnis gebracht hat: Mehrere Eiterbeulen von Lehman bis Dubai sind geplatzt, andere füllen sich von neuem. Nur die dritte Katastrophe des Jahrzehnts war nicht von Menschenhand verursacht: der Tsunami vom Dezember 2004 forderte mehr als 200.000 Todesopfer. Eine andere „Naturkatastrophe“ dagegen ist sehr wohl beeinflussbar: der Klimawandel, spätestens durch die Vergabe des Friedensnobelpreises 2007 an Al Gore ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerückt. Der heurige Preisträger personifiziert vor allem Hoffnungen: dass Barack Obama nachhaltig mit der katastrophalen Politik seines Amtsvorgängers brechen kann – und dass der erste farbige Präsident der USA zum Symbol für die erfolgreiche Integration von „Minderheiten“ wird, deren Angehörigen je nach Leistung jeder Aufstieg möglich sein sollte.

In Europa sind diesbezüglich weniger Fortschritte zu verzeichnen. Im Gegenteil: Die globale Wirtschaftskrise und der auch dadurch verstärkte Migrationsdruck erhöhen die Spannun­gen zwischen Ethnien, Religionen, Kulturen. In fast allen Ländern versuchen Rechtspopulisten daraus Kapital zu schlagen – und schaffen dies meistens, auch weil die traditionellen Volksparteien keine nachhaltig wirksamen Konzepte für eine geregelte Zuwanderung entwickelt haben – oder solche nicht mutig umsetzen. Immerhin gibt es in Europa Integrationsfortschritte anderer Art: Der 2002 eingeführte Euro ist ein Erfolgsprodukt. Und der erst ganz am Ende des Jahrzehnts wirksam gewordene Vertrag von Lissabon sollte ein besseres Funktionieren der EU garantieren. Dringend nötig: Nur ein ge- und entschlosseneres Europa wird gegen die Konkurrenz der „alten“ Supermacht USA, der „neuen“ China sowie der kommenden, der „Schwellenländer“ von Brasilien bis Indien, einst nur Armenhäuser, heute gleichzeitig Motoren der globalen Ökonomie, bestehen können.
Und in Österreich? Änderte sich letztlich wenig. Die schwarz-blau-orange Episode hielt nicht lange, wir haben wieder eine – gar nicht mehr so große – „alte“ Koalition. Und unabhängig von der Regierungsform „alte“ Probleme: am Arbeitsmarkt, bei den Pensionen, mit Bildungs- und Verfassungsreform. Im internationalen Maßstab muten sie letztlich aber an wie unser Land: klein.

pelinka.peter@format.at

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