"formatiert": Ein Jahr nach dem Lehman-Crash: Alles (auch) eine Vertrauenskrise

„In diesem Jahr gingen 10.500 Mrd. $ verloren, 1.500 pro Erdenbürger.“

Knapp drei Wochen lang haben sich in Alpbach wieder Hunderte Angehörige der geistigen Elite Österreichs (und solche, die sich dazu zählen) versammelt. Diesjähriges Generalthema: Vertrauen. Wie ein roter Faden zog sich durch die politischen und wirtschaftlichen Gespräche dieses Motto­, das – schon viel länger geplant – ein Jahr nach September fifteen (längst ist der Tag des Lehman-Konkurses zu einem fixen Begriff geworden wie September eleven für den Terrorangriff von 2001) besonders gut zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Lage passt: Ist doch die Finanz- und Wirtschaftskrise auch eine Krise des Vertrauens. In das Funktionieren „des Marktes“, in die Eingriffsmöglichkeiten „der Politik“, in die Funktio­nalität „der Banken“, in den Charakter „der Manager“. Wirtschaftskammer-Chef Christoph Leitl, ein professioneller ­Optimist, überspitzte ein wenig: „Es gibt keine Finanz- und keine Wirtschaftskrise. Nur eine Vertrauenskrise.“

Ein „bisschen“ Finanzkrise ist aber schon da: Experten schätzen die Summe, welche im vergangenen Jahr „verloren ging“, auf satte 10.500 Milliarden Dollar, 1.500 Dollar pro einzelnen Erdenbürger. Ein Fünftel des globalen Wirtschaftsprodukts, drei Viertel des US-amerikanischen. Begonnen hat alles mit dem anderen September, dem „Eleven“: Die ohnehin bereits durch das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 verunsicherte Wall Street geriet nach den Terroranschlägen in Panik, US-Regierung und Notenbank versuchten mit einer radikalen Politik des billigen Geldes den Wirtschaftsaufschwung zu retten, die US-Bürger konsumierten und investierten wie wild – auf Pump. Unter anderem in Immobi­lien, die dadurch immer teurer wurden; die Banken verkauften die Kredite an Investoren weiter, die auf hohe Profite spekulierten.

Die Folgen waren absehbar: Die Hauspreise stiegen, dann die Zinsen der Kredite, immer mehr wurden uneinbringbar, Banken blieben auf faulen Krediten sitzen und verschoben sie untereinander. Eigentlich war die durch dieses Platzen der US-Immobilienblase und die „liberale“ Geldpolitik der Notenbank ausgelöste Finanzkrise im September 2008 bereits ein Jahr alt, als sich die Lage für die Investmentbank Lehman Brothers, eine der „big five“ an der Wall Street, entscheidend zuspitzte. Am 15. September meldete sie mit einem Schuldenberg von 613 Milliarden Dollar Insolvenz an, der größte Bankrott der US-Geschichte. Er löste einen Flächenbrand aus: Banken liehen einander weltweit kein Geld mehr, einige gingen über den Jordan, die globale Finanzwirtschaft stockte, ganze Staaten gerieten an den Rand des Konkurses, ganze Industriezweige stürzten in eine Existenzkrise. Um die Weltwirtschaft zu retten, wurden und werden Billionen an Dollars und Euros in den globalen Kreislauf gepumpt, in einem zentralen Punkt erfolgreich: Der totale Crash ist abgewendet.

Es bleiben aber genügend große „Restrisiken“: Die Krise der Finanzwirtschaft hat längst die Realwirtschaft erfasst, die Arbeits­losigkeit steigt weltweit – und mit ihr die Gefahr explosiver sozialer und politischer Auseinandersetzungen. Verschärft noch durch die absehbare Entwicklung „danach“: Die notwendigerweise international ausgeweiteten Budgetdefizite werden in drei, vier, fünf Jahren verringert werden müssen, wohl durch einen Mix aus Einsparungen (vermutlich auch im Sozialbereich) und neuen Einnahmen (=Steuern). Das wird vielen Bürgern nicht schmecken und das Ansehen der Politik noch mehr untergraben. Was fatal wäre: Schließlich bedarf es klarer neuer Spielregeln, um eine Wiederholung des Finanzdesasters zu verhindern. Vor einem Jahr konnte man guten Mutes sein, dass der Schock groß genug ist, um jene zu finden: Politiker versprachen eine schärfere Kontrolle des Finanzmarktes, Banker gaben sich als reumütige Sünder, neoliberale Apologeten hatten Sprechpause. Hayek und Friedman waren out, Keynes, Stiglitz und Krugman in. Auch George Soros: Der philanthropische Spekulant hat seit Jahren vor jener Entwicklung gewarnt, von der er selber profitiert hatte. Als personifizierter Ausdruck dieser Trendwende wurde Barack Obama auch auf den Wellen dieser Stimmung ins Weiße Haus gespült.

Ein Jahr nach der Lehman-Pleite sind die ärgsten Schockwellen vorbei, aber auch die größten Hoffnungen. Die Lenker der G-20 haben sich eben nicht einmal auf eine Eindämmung der Bonizahlungen für Banker einigen können, ein Nebengrund für deren kurzsichtiges Agieren. Immerhin wurde der Raum für Steueroasen eingeengt und damit ein Nährboden für Spekulanten aller Art. Es bleibt aber höchst fraglich, ob sich der kommende G-20-Gipfel in Pittsburgh auf noch viel wichtigere Schritte einigen wird: zur Neuordnung des Rating(un)wesens, zur Einführung einer weltweiten Finanztransaktionssteuer und einer internationalen Finanzmarktaufsicht. Parallel zum Vertrauen in die Politik sinkt auch jenes in die Lernfähigkeit des Finanzsystems: Zumindest in den USA agieren einige Banken wie vor dem Lehman-Crash, schreiben Supergewinne, schütten Superboni aus. Das Motto von Alpbach stimmt doch: Alles eine Krise des Vertrauens. Und der Vernunft.

pelinka.peter@format.at

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