"formatiert" zur Dubai & Kärnten: Blase noch nicht geplatzt, aber viel Luft ist draußen

„Ein Hauch Kärnten in der Wüste: Brot und Spiele, auf Pump finanziert. Zahlen sollen jetzt andere.“

Ein Foto aus der „Financial Times“ sagt mehr als tausend Worte: Hunderte verlassene Autos neben dem weltberühmten Luxushotel Burj Al-Arab, seit Monaten verlassen, vom Wüstensand verdreckt. Die „New York Times“ berichtet Ähnliches: Nahe dem Flughafen von Dubai stünden Tausende Fahrzeuge verlassen, meist mit stecken gelassenem Zündschlüssel, teils mit Entschuldigungsbriefen hinter den verschmutzten Windschutzscheiben. Von überschuldeten Expatriates, Facharbeitern, die im bis vor kurzem boomenden Emirat einige Zeit ihr Glück gefunden und gutes Geld verdient haben. Lassen sich die flüchtigen Vorbesitzer nicht finden, werden ihre Vehikel nach einigen Monaten versteigert – mit geringem Ertrag. Auch der Gebrauchtwagenmarkt Dubais liegt darnieder.

Vor zwei Monaten habe ich in Dubai solch augenscheinliche Fluchtmerkmale noch nicht gesehen. Wohl aber in etlichen Gesprächen gemerkt, dass die goldenen Zeiten des Golfstaates vorbei sind. Scheich Mohammed Ibn Raschid al Maktum hatte in den vergangenen 20 Jahren gigant(oman)ische Visionen verwirklicht: phänomenale Hotelbauten mit dem einzigen Sieben-Sterne-Hotel der Welt und dem märchenhaften „Atlantis“ an der Spitze; riesige Bürohochhäuser und Konferenzzentren; eine mehrfach ausgezeichnete Fluglinie, die „Emirates“; zwei Flughäfen, zu denen sich bald ein dritter gesellen soll; riesige Shopping-Malls mit Skipisten und Eislaufplätzen; als Krönung die „Palm Islands“, als „achtes Weltwunder“ vermarktet: drei künstlich geschaffene Inseln mit kompletter Infrastruktur für Zehntausende Privathäuser und Hunderttausende Bewohner. Es ist erst eine fertig, die Häuser sind zur Hälfte verkauft. Die staatliche Immobiliengesellschaft Nakheel, die mit der Bitte um Zahlungsaufschub die jetzige Krisenwelle ausgelöst hat, sucht weiter Käufer und lädt zu Besichtungstouren.

Rasch wird klar, dass das Projekt schon vor Monaten ins Stocken geraten war: Die eine fertige Insel wirkt bei der Boots­tour wie ein verlassenes Disney-Land, die zweite wird auf kleiner umgeplant, die dritte wohl gar nicht fertig. Und das Überdrüberprojekt, „The World“, 270 künstlich aufgeschüttete kleine Inseln in Form einer Weltkarte, wird von den Staatsplanern schon stiefmütterlicher behandelt als „The Palms“: Die Investoren (darunter Josef Kleindienst, siehe Absturz im Märchenland ) müssen auch die beachtlichen Infrastrukturkosten selbst tragen. Schon Ende September wurde dieses Projekt von anderen österreichischen Geschäftsleuten belächelt: „The World“ sei nur eine Sammlung von Sandhaufen, mehr werde nie daraus. Schade für den einstigen FPÖ-Chefgewerkschafter, der nach seinem Bruch mit der Politik mit mutigen Plänen viel verdient und nun wieder viel zu verlieren hat. Auch sein Büro spiegelt die Krise wider: am Rande der Wüste, in einem modernen, aber fast leeren Gebäude, fast unwirklich. Dabei haben Kleindiensts Pläne – das Sisi-Hotel als Herzstück der Österreich-Insel mit einer Gasse, in der es fast ewig regnen soll („Die Araber lieben das in Zell am See“) – auch ihren Charme. So wie manche Projekte des offiziellen Dubai: Die eben eröffnete kilometerlange Stelzenbahn am Rande der Wüste etwa mildert den Stau der Autos und mindert ihre Schadstoffemissionen.

Das alles wird nun gestutzt. Hunderttausende Gastarbeiter, vor allem aus Indien und Pakistan, werden zurückgeschickt. Schon zuvor mussten sie Dubai nach drei Monaten ohne Beschäftigung verlassen. Sie kletterten bei heißesten Temperaturen auf den Baustellen herum, Tag und Nacht. Für einen Durchschnittslohn von etwa 1.200 Euro, noch immer weit mehr, als sie daheim bekommen. Ihre Überweisungen an ihre Familien werden nun ganz ausbleiben, die Regierung hat einen fast kompletten Baustopp ausgerufen. Als Symbol dafür dient der höchste Turm der Welt, eine 900 Meter hohe Stahlspitze, in der auch ein Armani-Hotel untergebracht sein wird. Seine Eröffnung wurde erst auf Mitte Dezember verschoben, nun ganz auf das nächste Jahr. Ausbleiben werden wohl auch die internationalen Immobilien-Investoren, die bisherigen können einem fast leidtun. Für Spekulationszwecke sind Wohnungen und Büros in Dubai auf absehbare Zeit wohl nicht geeignet. Was bleibt, sind solide Unternehmen: Waagner-Biro etwa ist seit zwanzig Jahren führender Brückenbauer in Dubai. Und der österreichische Wirtschaftsanwalt Strohal ist in einem benachbarten Emirat erfolgreicher Chefberater des Scheichs.

Der restlichen Golfregion geht es nicht so schlecht wie Dubai: Abu Dhabi, das ölreichere Hauptemirat, wird dem neureichen Bruder stärker unter die Arme greifen. Es hat stets vorsichtiger und nachhaltiger agiert. Ohne ganz auf glänzende Duftmarken zu verzichten: Die Formel-1-Strecke wurde eben eröffnet, Außenstellen von Louvre und Guggenheim folgen demnächst. Dubais Herrscher knirschen darob noch etwas heftiger mit den Zähnen: Man werde die Schulden von Nakheel jetzt nicht ­zahlen, erklärt der Finanzminister trotzig, das sollen andere machen. Ein Hauch Kärnten in der Wüste, nicht nur in dieser Hinsicht. Brot und Spiele, auf Pump finanziert. Die Blase ist noch nicht geplatzt. Aber es ist viel Luft draußen.

pelinka.peter@format.at

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten