"formatiert": Deutschland, weiter so! Angela Merkel bleibt Kanzlerin. Aber mit wem?

„Warum eine Kanzlerin abwählen, die auch als europäische Führerin recht gute Figur macht?“

Schon „Inglourious Basterds“ gesehen, den neuen Film von Quentin Tarantino? Sollten Sie. Auch wenn es nicht jedermanns/fraus Sache ist, mit dem Entsetzen sarkastische Scherze zu treiben, in diesem Fall mit der größten Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts. Oder ist es 70 Jahre nach dem durch Deutschlands Überfall auf Polen ausgelösten Beginn des Zweiten Weltkriegs Ausdruck einer gelungenen historischen Verarbeitung, wenn Rollenumkehr zelebriert wird: jüdische Überlebende, die Nazis massakrieren (was von vielen Besuchern auch befreiend erlebt wird), ein SS-Scherge mit genialen Zügen (was bei etlichen Österreichern durch die Besetzung der Rolle mit Christoph Waltz einen in diesem Zusammenhang ebenso zwiespältig empfundenen Patriotismus auslöst)? Jedenfalls bietet dieser Film eine weitere, wenn auch schräge Unterstreichung der zentralen Rolle, welche Deutschland für die Welt im 20. Jahrhundert spielte – und zumindest für ­Europa auch noch im 21. spielen wird.

Deutschland steht heuer noch ein zweites Mal im Banne eines welthistorischen, aber erfreulicheren Jubiläums. Vor 20 Jahren fiel im November die Berliner Mauer und damit ein zentrales Symbol des Stalinismus, der nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs seine ebenfalls schreckliche Herrschaft auf halb Europa ausgedehnt hatte. Bald darauf ging die DDR in der Bundesrepublik Deutschland auf, welcher die politische Integration des einstigen „ersten deutschen Bauern- und Arbeiterstaates“ inzwischen halbwegs gelungen ist – an den wirtschaftlichen Folgekosten leiden beide einst getrennten Teile freilich heute noch ein wenig. Immerhin: Deutschland ist wieder ein (derzeit auch wegen der starken Exportorientierung stotternder) Motor der europäischen Wirtschaft und – mit Frankreich – zentrale europäische Führungsmacht. Das stets transatlantisch orientierte Großbritannien will gar nicht in diese Rolle wachsen, Italien berlusconisiert sich derzeit endgültig, Spanien trägt besonders schwer an den Folgen der Finanzkrise. Es liegt im Interesse des gesamten Kontinents (nicht nur des „kleinen Bruders“ Österreich), dass Deutschland möglichst gut dasteht, wirtschaftlich wie politisch. Dass die befürchteten Massenentlassungen nicht nur aus Opportunismus (siehe nächster Absatz) aufgeschoben werden und dass der in manchen ­Regionen blühende Rechtsextremismus (mit Verfolgungsjagden auf „fremd“ aussehende Mitbürger) wieder eingedämmt werden kann.

In Deutschland steht nun in drei Wochen wieder eine – wenn auch nicht so welthistorische – Weichenstellung an, die Bundestagswahl. Seit vergangenem Sonntag ist das Rennen etwas offener, freilich nicht in einem zentralen Aspekt: Angela Merkel wird Kanzlerin bleiben. Nichts spricht dafür, dass es ihr so geht wie vor vier Jahren, als sie als Umfragesiegerin in den letzten Tagen beinahe noch von Amtsinhaber Gerhard Schröder abgefangen worden wäre. Aber einiges spricht dafür, dass ihr Wunschprogramm, eine Koalition von CDU/CSU und FDP, höchstens knapp zustandekommt. Die SPD hängt nun – ausgerechnet wegen des überraschenden Lebenszeichens der von ihr so gar nicht geschätzten Linken Lafontaines – nicht mehr ganz so hoffnungslos in den Seilen, auch wenn ihrem Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier der große Wurf sicher nicht gelingt: Warum sollten die Deutschen aus­gerechnet in Krisenzeiten eine Kanzlerin abwählen, die auch als euro­päische Führerin recht gute Figur gemacht hat? Und die mit ihrer eher zurückhaltenden Art ein persönliches Kontrastprogramm zum aggressiven deutschen Nationalismus darstellt, der nicht nur 1939 viel Unglück über die Welt gebracht hat.

Aber: Vielleicht wollen die Deutschen auch keine klare „Lagerentscheidung“ (Schwarz-Gelb gegen Rot-Grün), sondern weiter eine (an sich ungeliebte und wohl weiter schrumpfende) „große“ Koalition. Es wäre zu verstehen: Geteilt war das Land lang genug.

pelinka.peter@format.at

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten