FORMAT-Autorin Liselotte Palme: Ist der Weg in die Bildungsgesellschaft ein Irrweg?

An dieser Stelle wurde nach der europäischen Parlamentswahl im Juni ein Vorschlag präsentiert: Nachdem die Sozialdemokratischen Parteien am ganzen Kontinent bei dieser Wahl abgestürzt waren, riet man ihnen, einen neuen Weg einzuschlagen (siehe Artikel) .

Hier vertraten wir die Meinung, diese veränderte Orientierung müsse sich „bottom up“ (im Gegensatz zum bisherigen „top down“) herauskristallisieren, und bis es so weit sei, wäre ein populistischer Kurs à la Faymann gar nicht unklug. Um denkbaren Diskussionsstoff für solche etwaigen „bottom up“-Arbeitsgruppen beispielhaft anzuführen, sei hier ein Text vorgestellt, den der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman für das Magazin der „New York Times“ geschrieben hat.
Die Vorgabe der Zeitung an die Autoren jener Magazin­ausgabe lautete, so zu schreiben, als ob die jeweiligen Texte Ende des 21. Jahrhunderts veröffentlicht würden. Mit anderen Worten: so zu tun, als ob die Entwicklungen von jetzt bis dahin bereits bekannt wären. Die Diagnose, zu der Paul Krugman dabei kam, überrascht.
Er geht nämlich sehr scharf mit den „Fin-de-Siècle-Futuristen“ der Jahrtausendwende ins Gericht, die seiner Auffassung nach die wichtigsten Trends im sozioökonomischen Gefüge der Welt überhaupt nicht erkannt haben. Krugman: „Man erwartete, dass wir auf eine Ökonomie zusteuern, in der die meisten Leute in unseren Breiten mit körperlicher Arbeit nichts mehr zu tun hätten. In der ‚Informationsgesellschaft‘, die man kommen sah, würde Wissen die wichtigste Quelle von Reichtum und Macht sein – und nicht mehr Öl oder Grund & Boden, wie es bis dahin der Fall war.“
Aber schon „damals“, so Krugman, hätte man sehen müssen, dass dies falsch sei. Nicht nur falsch, sondern sogar „sehr dumm“ („extremely silly“).

Ungeachtet des ganzes Geredes um die „Informationsgesellschaft“, hätte man niemals übersehen dürfen, dass alles Wirtschaften letztlich den Konsumenten dient. Und diese brauchten eben greifbare Güter – auch noch in hundert Jahren. Nirgendwo habe die Sättigung mit solchen Gütern ein Niveau erreicht, das eine Abkehr von der physischen Produktion rechtfertige, schon gar nicht in den Schwellenländern, also in den sich am raschesten entwickelnden Gesellschaften des frühen 21. Jahrhunderts. Krugman meint, deren Bevölkerung wolle schließlich auch irgendwann „in hübschen Häusern wohnen, Autos fahren und Fleisch essen“. Und spricht in dem Zusammenhang von „Milliarden von Dritteweltfamilien“, die zur Jahrtausendwende „so richtig Kaufkraft entwickelten“.
Besagte „Fehleinschätzung“ ist der erste Punkt seiner kritischen Liste. Der zweite große Punkt bezieht sich auf die – seiner Meinung nach falsche – Einschätzung der Folgen der digitalen Revolution: „Einfaches Information Processing wurde schneller und billiger, als es sich irgendjemand zuvor hätte träumen lassen.“ Die „Propheten der Informationsgesellschaft“ hätten aber die elementarsten Grundregeln der Ökonomie übersehen: „Wenn etwas im Überfluss vorhanden ist, wird es am Markt billig. In einer Welt, die in computerisierter Information schwimmt, hat solche Information folglich fast keinen Wert mehr.“ Außerdem gelte: „Wenn Volkswirtschaften besonders gut darin sind, irgendetwas Bestimmtes zu tun, dann macht das diese Tätigkeit weniger wichtig und keineswegs wichtiger.“ Beispiel aus der Zeit vor der „Informationsgesellschaft“: Je effizienter die Agrarwirtschaft, desto unwichtiger wurden (politisch) die Bauern. (Beinahe überall, jedenfalls.)

Vor diesem Hintergrund postuliert Krugman „fünf große ökonomische Trends, die um die Jahrtausendwende hätten erkannt werden müssen, es aber nicht wurden“:
Erstens: Öl und Rohstoffe steigen im Preis nachhaltig und massiv weiter an. So weit bekannt.
Zweitens: Bislang freie Güter wie etwa Wasser bekommen einen ökonomischen Wert. So weit bekannt.
Drittens: Die Wiedergeburt der Großstädte. Glaubte man um die Jahrtausendwende, dass sich die Arbeitsplätze der Zukunft an die Heimcomputer in den Vorstädten verlagern, so zeige die Entwicklung bis zum Ende des 21. Jahrhunderts das glatte Gegenteil. Ölpreis, Umweltprobleme in den Städten und die sinkende Bedeutung digitaler Standardarbeit würden dem Wachstum ins Vertikale eine ganz neue Schubkraft verleihen.
Viertens: „higher education“ wird wertloser. Zur Jahrtausendwende habe in den entwickelten Ländern jeder geglaubt, der Schlüssel liege in „Hochschulbildung für alle“. Krugman dagegen meint, dass alle digitalen Künste, die – im weitesten Sinn – als standardisiert zu bezeichnen sind, in die Schwellenländer abwandern. Harvard würde so wieder zu einer Institution, die man besucht, um sich „social skills“ anzueignen.
Fünftens prophezeit Krugman eine „celebrity economy“: Künstler und Wissenschaftler könnten von der Massenverbreitung ihrer Werke (etwa via CDs oder Bücher) nicht mehr leben. Exempel von heute: Autofirmen, die mit Sponsoring von Grand-Prix-Rennen Geld machen. Laut Krugman sind also nicht Andy Warhols „15 minutes of fame“ für jeden die Zukunft. Sondern clever gemanagte Exklusivität. (Quelle: Paul Krugman: „White Collars Turn Blue“)


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