Finanzkrise: Wir brauchen mehr, nicht weniger Europa!

Für eine europäische Bankenaufsicht – der Interpol ähnlich: „Die Finanzkrise ist Folge eines faustischen Paktes der Geldwirtschaft aus Gier, Arroganz und Dummheit.“

Die derzeitige Finanzkrise ist die Folge eines faustischen Paktes der Geldwirtschaft aus Gier, Rücksichtslosigkeit, Arroganz und Dummheit. Dies und mangelnde Kontrolle sowie eine lasche Geld- und Zinspolitik haben dazu geführt, dass sich die Geldwirtschaft von ihrer dienenden Rolle für die Realökonomie entkoppelt hat. Die Frage ist nicht mehr, ob es eine Rezession geben wird, sondern nur noch, wie stark sie ausfällt und wie lange sie andauert.

Unsere Wirtschaft braucht ein funktionierendes Finanz- und Geldwesen. Geld ist der monetäre Blutkreislauf für die Realwirtschaft. Dabei kommt dem Währungs- und Bankenwesen eine zentrale Aufgabe zu: Banken nehmen Spareinlagen und gewähren Kredite. Diese Transformationsaufgabe bedeutet, mit Risken umzugehen. Ein Prinzip, das auf dem Vertrauen der Einleger zur Bank und auf dem Vertrauen der Banken untereinander beruht. Dies alles ist eine höchst verantwortliche Aufgabe, die aber auch klare Spielregeln und eine entsprechende Kontrolle erfordert. Weiters ist seitens der Notenbanken eine vorsichtige Geld- und Zinspolitik notwendig.

Diese grundlegenden Bedingungen wurden in den letzten zwanzig Jahren immer mehr ignoriert. Vielmehr wurde ein casinoartiges Pyramidenspiel betrieben, das in den USA staatlich geduldet und sogar noch von der amerikanischen Notenbank unterstützt wurde. Eine Praxis, die es „Finanzakrobaten“ ermöglichte, sich in aufreizendster Weise goldene Nasen zu verdienen und sich wie die „masters of the financial universe“ zu gebärden.
Diese „Zauberlehrlinge“ haben sich mit Hedgefonds und mit Rating-Agenturen Instrumente geschaffen, die Warren Buffett, einer der reichsten Männer der Welt, als „financial instruments of mass destruction“ bezeichnet hat.

Niemand kannte mehr das Risiko der gegebenen und von den Rating-Agenturen bestätigten Kreditverbriefungen. Die Gefahr von unrealistischen Preisexplosionen bei Vermögenswerten wurde einfach ignoriert. Aus der Immobilienkrise in Japan Anfang der Neunzigerjahre, der Asienkrise von 1997 oder dem Desaster von Long Term Capital Management (LTCM) vor zehn Jahren hat man nichts gelernt. LTCM war ein Musterbeispiel für Selbstüberschätzung, wurden doch viel zu hohe Risken durch maßlose Schulden finanziert.
Jetzt haben weltwirtschaftliche Ungleichgewichte, vor allem zwischen den USA und China, Wechselkursverzerrungen sowie eine sorglose, exzessive private und staatliche Verschuldung in den USA einen ökonomischen Tsunami ausgelöst. Viel zu lange haben die involvierten Banken in einer unverantwortlichen Beschönigungspolitik die gefährliche Situation vertuscht. Mit den Folgen haben nunmehr wir zu kämpfen, und auch die Kosten müssen wir tragen.

Was also tun? Das Wichtigste ist, durch eine umfassende staatliche Einlagensicherung – und zwar europaweit – das Vertrauen der Einleger wiederherzustellen. Die Notenbanken müssen den monetären Blutkreislauf zwischen den Banken sicherstellen. Die faulen Kredite müssen vom Staat übernommen, dabei aber auch Aktionäre und Bankmanager zur Kasse gebeten werden. Bei dieser Sanierungsaktion darf mit „Löschwasser“ nicht gespart werden, soll der Brand nicht weiter schwelen. Als bittere Ironie der Finanzgeschichte mag gelten, dass nunmehr von apologetischen Neoliberalen der verzweifelte Ruf nach dem Staat laut wird. So auch von US-Finanzminister Henry Paulson, vor kurzem noch Chef der in die Finanzkrise verstrickten Investmentbank Goldman Sachs.

Die Bankenkrise ist noch nicht ausgestanden. Teil der Sanierung muss auch sein, verantwortungsvolle Geschäftsmodelle und ein sinnvolles Monitoring zu etablieren, ohne aber gleichzeitig in das Extrem unvernünftiger Überregulierungen zu verfallen. So wie es im Polizeibereich die Interpol gibt, da das Verbrechen ja auch vor staatlichen Grenzen nicht haltmacht, muss auch eine europäische Bankenaufsicht eingerichtet werden.
Die Überwindung der Krise wird davon abhängen, wie schnell konjunkturstützende Maßnahmen greifen und wie rasch eine weltweite Koordination des Finanz- und Währungswesens erfolgt.

Diese Aufgabe erfordert einen stärkeren europäischen Zusammenhalt – wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Europa! Aber auch in Österreich gilt es, rasch mit finanz- und konjunkturpolitischem Augenmaß zu handeln. Alles andere würde uns nur noch viel teurer zu stehen kommen.

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