Fachkräftemangel in der Politik

Fachkräftemangel in der Politik

Weil wir zu wenige Ingenieure haben, sollen mehr Leute aus dem Ausland kommen. Aber es gibt keine Ideen, wie sich der eklatante Mangel an politischen Fachkräften beheben lässt.

Menschen, die sich für dieses Land engagieren, sind weniger gefragt denn je. Erst kürzlich erzählte ein Freund, der für die Grünen in einer kleinen Gemeinde Lokalpolitik macht (selbstverständlich unbezahlt), dass er von mehreren Seiten mit hämischem Unterton gefragt wurde, ob ihm eigentlich noch wohl sei in der Haut des Hobbypolitikers. Grund für die Sticheleien war der Auftritt des sonnenverwöhnten BZÖ-Mandatars Stefan Petzner in der "ZiB 2“, wo er Fragen nach einer bevorstehenden Einvernahme durch den Staatsanwalt mit aggressiver Entrüstung quittierte, als sei es für einen Politiker das Normalste der Welt, im Visier der Justiz zu stehen.

Noch unverfrorener agiert der seelenverwandte Uwe Scheuch von der FPK, der erst gar nicht zwischen "sitzen gehen“ und "Sessel kleben“ unterscheiden mag. Wobei die Vorbildwirkung von Politikern auch außerhalb Kärntens da und dort noch einen gewissen Feinschliff vertragen könnte - man denke an die legendären Auftritte des (mittlerweile abgetretenen) niederösterreichischen FPÖ-Landtagsabgeordneten Karl Schwab, dessen Reden sich dadurch auszeichneten, dass sie keinen einzigen grammatikalisch richtigen Satz beinhalteten. Und in den TV-Übertragungen von Parlamentssitzungen tragen die Vertreter der Regierungsparteien ebenfalls nicht immer dazu bei, in jungen Leuten den Wunsch zu entfachen, durch die Politik zu Ruhm und Ehre zu gelangen.

Das Politikerbild, das vermittelt wird, führt dazu, dass der Einsatz für das Gemeinwesen längst weder Ansehen noch Anerkennung bringt, nicht einmal im engeren Umfeld. Das hat der erwähnte Freund mehrfach erlebt. Die logische Folge: Kaum ein unter 40-Jähriger, von noch Jüngeren ganz zu schweigen, verspürt Lust, sich damit zu beschäftigen, wie die Gesellschaft besser zu organisieren wäre. Selbst die Aussicht auf eine Beschleunigung der Karriere, früher ein starker Anreiz für die Mitarbeit in politischen Organisationen, hat ihren Reiz verloren. Das Networking verlagert sich in die virtuelle Welt der Social Media. Aufmerksamkeit erregen nur als Parteien getarnte Internet-Plattformen wie die Piraten.

Es bedarf keiner großen Erklärungen, dass es - über kurz oder lang - die Weiterentwicklung Österreichs hemmt, wenn kluge Leute fehlen, die den Rahmen, in dem sich die Gesellschaft bewegt, laufend anpassen. Die Politik ist dabei zu erkennen, dass die Wirtschaft an Kraft verliert, wenn der Mangel an Fachkräften nicht behoben wird. Getrieben von Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung, beginnt man, Spanier, Griechen und vielleicht bald Iren zu motivieren, hierzulande zum Beispiel als Werkzeugmacher freie Stellen zu besetzen. Die Rot-Weiß-Rot-Card wurde eingeführt, um dringend benötigten Hochqualifizierten das Arbeiten in Österreich zu ermöglichen.

Eine der Branchen, in denen der Fachkräftemangel die größte Besorgnis erregen müsste, ist aber die Politik selbst. Profis, die in ihrem Job sachkundig sind, wären hier mindestens so gefragt wie anderswo Ingenieure oder Werkzeugmacher. Es gibt jedoch weder Programme noch Ideen, wie die Lücken zu füllen wären. Im Gegenteil: Je länger Petzner & Co das Berufsbild des Volksvertreters prägen, desto aussichtsloser wird es, "High Potentials“ für solche Funktionen zu gewinnen.

Eine etwas verrückte, nichtsdestotrotz verlockende Idee wäre eine Rot-Weiß-Rot-Card für politisches Personal allemal. Wer Bundestagsdebatten gehört hat, weiß, dass Deutsche in Bezug auf Rhetorik und Diskussionsniveau ihren österreichischen Kollegen weit überlegen sind. Schweden könnten Nützliches zur Reform des Sozialstaats beitragen. Finnische Experten könnten sich um die Verbesserung des Bildungssystems verdient machen - würden nach dem ersten Gespräch mit der Beamtengewerkschaft aber vermutlich verstört Reißaus nehmen. Die Holländer haben uns den internationalen Blickwinkel voraus. (Und auch die gebürtige Griechin Maria Vassilakou ist, trotz Parkpickerl-Verstrickung, eine Belebung für die Wiener Stadtregierung.)

Geht natürlich nicht! Wo kämen wir denn da hin? Aber vielleicht beginnen die Parteien wenigstens langsam, sich im Inland nach frischem Personal umzusehen, dessen Urteilskraft noch nicht durch die Mühlen der Institutionen beeinträchtigt ist. Sonst sieht es düster aus: für die Parteien und für Österreich.

Personalsuche im Ausland ist zugegebenermaßen kein Allheilmittel: Auch Gastpolitiker aus Kanada haben hier schon befremdliche TV-Auftritte geliefert.

- Andreas Lampl

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