Europa vs. Zypern: Konzertierte Vertrauenszerstörung

Europa vs. Zypern: Konzertierte Vertrauenszerstörung

Wir haben seit Ausbruch der Finanzkrise ja schon einige politische Schmankerl erlebt. Immer wieder haben es in den vergangenen drei Jahren Politiker geschafft, mit Einzelmeinungen, Zwischenrufen oder Provokationen, Öl ins Feuer der nervösen Märkte zu schütten. Als Feuerwehr musste dann meist die EZB ausrücken, um einen Abverkauf an den Anleihenmärkten zu verhindern – entweder mit verbalen Interventionen oder mit aktiven Anleihenkäufen.

Oberstes Ziel der meisten Regierungschefs, Finanzminister und Notenbanker war es jedoch immer wieder, den Menschen Vertrauen zu signalisieren. Vertrauen in ein System, das durch die massiven Liquiditätsspritzen der Notenbanken eigentlich schon längst ausgehöhlt war. Daher definiert sich ein Euro oder ein Dollar im Wert lediglich durch das Vertrauen der Bevölkerung. Denn die Überschuldung der großen Volkswirtschaften hat nur mehr wenig realen Gegenwert zu bieten – außer einem möglichst friedlichen und sozialen Zusammenleben. Ein Bank Run konnte bislang auch in den kriselndsten Regionen der Eurozone verhindert werden.

Sie erinnern sich bestimmt noch gut an die Worte von Merkel, Faymann und Co., als das System weltweit auf der Kippe stand: "Ihr Geld ist sicher!". Um das zu garantieren, wurde sogar die Einlagensicherung verunendlicht. Und tatsächlich, das Vertrauen ist sukzessive zurückgekehrt. Die Risikoneigung ist sogar wieder derart gestiegen, dass Börsen neue Rekordhochs erreicht haben.

Wer sich diesem historischen Krisenverlauf bewusst ist, für den müssen die weitreichenden Bedingungen der Euro-Finanzminister zur "Zypern-Rettung" noch unglaublicher erscheinen. Immerhin haben es die Damen und Herren geschafft, das Vertrauen der Menschen in die Sicherheit ihrer Bankeinlagen mit einem Schlag zu erschüttern. Denn trotz europäischer Einlagensicherung, sollen selbst kleinen Sparern in Zypern 6,75 Prozent ihrer Einlagen geraubt werden.

Auch wenn Zypern eine Insel ist, diesen unüberlegten Eingriff in den Privatbesitz der Menschen werden Politiker in ganz Europa zu spüren bekommen. Die Volksseele kocht!

Und was macht die Politik? Sie übt sich wieder einmal in Schadensbegrenzung. In Zypern bemüht sich der von den Euro-Finanzministern in die Zange genommene Regierungschef Nicos Anastasiades das Schlimmste zu verhindern und die relative Beteiligung der kleinen Sparer an der Bankenrettung zu mindern . Da das Parlament dem Rettungspaket erst noch zustimmen muss, sind selbst ein Scheitern der Regierung und italienische Verhältnisse realistisch.

Was passiert dann? Fliegt Zypern als erstes Mitglied aus der Eurozone? Und: Wer folgt als nächstes?

Der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger bringt es jedenfalls treffend auf den Punkt: "Diese Quasi-Enteignung der Anleger würde nicht nur das Bankensystem in Zypern gefährden, sondern wäre eine Bedrohung für das Finanzsystem im gesamten Euroraum. Die Regelung muss revidiert werden, andernfalls wird sich die Eurokrise erneut verschärfen".

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Dem Autor auf Twitter folgen:

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten