Europa ist besser als sein Ruf

Europa ist besser als sein Ruf

Kürzlich in Wien beim Treffen mit dem Manager eines asiatischen Sovereign-Fund: Ein interessanter Mann mit dem Selbstbewusstsein von Milliarden Dollar in der Tasche und ordentlichen Wachstumsraten im Rücken. Seine nicht ohne Schadenfreude vorgetragene These: Europa ist von gestern, die Marginalisierung kaum abzuwenden. Kurz: "Ihr braucht ein neues Geschäftsmodell."

Keine drei Monate später sind jedoch einige Gewissheiten verloren gegangen. Wachstumsraten in den BRIC-Staaten, die nur noch halb so hoch sind wie zum Höhepunkt des Booms; ein taumelndes Schattenbankensystem in China; Wirtschaftsprüfer, die sich weigern, chinesischen Provinzen die nötige Kreditwürdigkeit zu testieren, damit die ihr fremdfinanziertes Subventionsrad weiter drehen können.

Getrieben - mehr durch politischen Ehrgeiz als durch unternehmerisches Wagnis - sind enorme Überkapazitäten entstanden. Stahl, Aluminium, Werften, Solarpaneele: Die globalen Top Ten dieser Branchen sind chinesische Giganten. Mehr als die Hälfte dieser Unternehmen erwartet 2013 Verluste, etliche schaffen gerade noch eine 60-prozentige Auslastung ihrer Fabriken. Und kannibalisieren sich in der Folge selbst.

Hochgepäppelt mit Steuererleichterungen, Lohnsubventionen und hohen Rabatten auf staatliche Versorgungsleistungen wird das chinesische Überkapazitätsproblem zu einem Problem der globalen Grundstoffindustrie. Mit massiven Auswirkungen auf die Beschäftigung in den betroffenen Sektoren in allen anderen Teilen der Welt.

Anders das Bild im High-Tech-Sektor: Zwar hat Lenovo die Führung im schrumpfenden PC-Markt übernommen, aber sonstige Erfolgsbeispiele sind Mangelware. Trotz Milliardensubventionen spielen Firmen wie Konka oder Ningbo Bird keine Rolle auf dem Handymarkt. Und selbst chinesische Konsumenten setzten sich lieber in einen europäischen VW als in einen BYD, Chery oder Geely.

Dazu kommen ungelöste - unlösbare - Strukturprobleme: Ab 2015 schrumpft die arbeitsfähige Bevölkerung. Der Zeitpunkt, wann China die USA als führende Wirtschaftsmacht überholt, bleibt genauso realitätsfern wie der seit 25 Jahren unmittelbar bevorstehende Zeitpunkt von Peak Oil.

Neu ist das alles nicht. Zu Beginn der Neunzigerjahre war es konventionelle Weisheit, dass die unmittelbare Übernahme der ökonomischen Weltherrschaft durch Japan nur noch eine Frage von Monaten sein würde. Fleißige Arbeiter, technologischer Vorsprung und zentrale staatliche Planung via MITI schienen ein unwiderstehliches Modell. Großartige Buch-Bestseller wurden dazu verfasst.

Ohne Zweifel: Demografische Entwicklung und konsequente Industrialisierungsstrategien werden die globale Balance verändern. Neue Player werden am globalen Spiel teilhaben. China wird noch viele Jahre überdurchschnittlich wachsen.

Aber das Geschäftsmodell Europas ist längst nicht von gestern. Die jüngere Geschichte gerade Österreichs, Deutschlands oder der skandinavischen Länder war von beispielhaftem wirtschaftlichen Erfolg geprägt. Exemplarisch: die sozialen, rechtsstaatlichen und kulturellen Leistungen.

Diese Überlegenheit des europäischen Weges fällt nicht vom Himmel. Herausforderungen gibt es genug: Konsolidierung des Bankensystems, wettbewerbsfähige Energiekosten, Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit und Investitionen in eine Top-Infrastruktur, in Bildung. Die Qualität der Umsetzung dieser Schlüsselthemen kann zweifellos noch ausgebaut werden, aber die Voraussetzungen dafür sind vorhanden: eine hochinnovative, produktive Industrie und das Verständnis, dass der gesellschaftliche Interessensausgleich ein Asset und kein Ballast ist. Der erfolgreiche Weg führt zwischen angloamerikanischem Laissez-faire und etatistischer Staatsintervention à la Peking. Auf die Gefahr, dass Waldorf und Statler, die beiden Alten aus der Muppet-Show, widersprechen würden: Es ist ein deutscher, ein skandinavischer, ja ein österreichischer Weg.

Zur Person: Christian Kern, 47, ist seit 2010 Vorstandsvorsitzender der ÖBB. Der Top-Manager ist bekennendes Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Österreichs.

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