Es mangelt nicht an Fachkräften

...sondern es mangelt an Flexibilität

Fachkräftemangel – viel zitiert und thematisiert, ist dieses Schlagwort in den letzten Jahren fest in den Wortschatz der österreichischen Arbeitsmarktdebatte verankert. Tatsache ist, der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften wächst stetig, nicht zuletzt begünstigt durch die immer noch angespannte wirtschaftliche Lage. Mit dem Bedarf an Fachpersonal steigen auch die Anforderungen an neue Mitarbeiter im Bereich der technischen Berufe. Technologische Innovationen und der wachsende Stellenwert von Know-how machen das Finden spezialisierter Experten zu einem wettbewerbsentscheidenden Faktor und zu einer Hauptpriorität der Wirtschaft.

Doch nicht nur die Bedingungen der Arbeitgeber steigen, auch der Arbeitnehmermarkt hat sich entscheidend verändert. Gut ausgebildete und hochqualifizierte Bewerber sind heute mündiger denn je, wissen genau was sie wollen und haben klare Vorstellungen von den Rahmenbedingungen, unter denen sie arbeiten möchten. Parallel dazu wird die Zahl der älteren Arbeitskräfte immer größer, die Gruppe der über 55-Jährigen wird schon bald die stärkste am Arbeitsmarkt darstellen. Langjährige Erfahrung und immenses Wissen machen diese Mitarbeiter zu unschätzbaren Ressourcen, die jedoch immer noch zu wenig eingesetzt werden.

Einseitige Betrachtungsweise

Hier von einem Fachkräftemangel zu sprechen ist in meinen Augen daher eine sehr einseitige und kurzsichtige Betrachtungsweise der aktuellen Situation. Das Problem fehlender Arbeitskräfte liegt weniger im Bereich fehlender Ressourcen als im Fehlen von Flexibilität – vor allem seitens der Unternehmen. Wunschkandidaten – billige, junge, hochqualifizierte Experten – gibt es nur wenige, aber das ist noch lange kein Mangel. Wenn ein Kandidat nur zu 95 Prozent passt, heißt dies nicht, dass dies ein schlechterer Mitarbeiter ist. Die Wirtschaft muss auf die wandelnden Bedingungen reagieren und nicht nur ein Entgegenkommen der Arbeitnehmer fordern, sondern auch selbst die Bereitschaft zeigen, umzudenken. Das heißt einerseits, die eigene Attraktivität für hochqualifiziertes Personal zu steigern und andererseits, den Tunnelblick zu erweitern und Potenziale wie ältere Arbeitnehmer, aber auch Experten aus Ländern wie Polen, Ungarn oder Bulgarien in die Fachkräftedebatte gezielt einzubeziehen. Ein Weg, den viele Unternehmen noch nicht bereit sind zu gehen. Auch die Nutzung moderner Technologien spielt eine große Rolle. Fehlt es an lokalem Personal, kann flexibles und mobiles Arbeiten geografische Entfernungen wettmachen, ein Ansatz der beispielsweise in der Softwareentwicklung eine Lösung verspricht. Ebenso wie die Unterstützung durch Ingenieurdienstleister, die Unternehmen mit Know-how helfen können, Spitzen abzuarbeiten oder Wissenslücken zu füllen. Des Weiteren sind auch die Österreicher sehr wohl bereit für spannende Projekte und Angebote zu reisen – Firmen müssen ihnen jedoch auch die richtigen Anreize bieten.

Der Arbeitsmarkt hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt und wird dies auch weiterhin tun, die richtige Reaktion muss sein, gedankliche Grenzen wie Alter und Nationalität aufzubrechen und den Arbeitnehmern einen Schritt entgegenzukommen.

Klaus Schwanninger ist Regionalleiter des Ingenieurdienstleisters Brunel Austria .

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten