Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Nach dem Kassenschluss bei Zielpunkt geraten die Kartellwächter in die Zwickmühle: Pochen sie auf mehr Wettbewerb, gefährden sie Jobs.

Am Ende kommen immer die Rabatte. Und die Enttäuschungen. Minus zehn Prozent auf alles, heißt es seit Montag bei der insolventen Handelskette Zielpunkt. Und, leider nein, die Treuepunkte können nicht mehr eingelöst werden. Derzeit leeren sich in den Filialen die Regale, neue Ware kann nur begrenzt nachbestellt werden. Doch was von Zielpunkt in jedem Fall bleibt, ist ein Dilemma. Und dieses heißt: Jobs oder Wettbewerb.

229 Zielpunkt-Filialen sind zu haben, 2.700 Mitarbeiter auch. Interessenten gibt es, Spar, Rewe und Hofer übernehmen gerne Standorte - schon damit der andere sie nicht bekommt. Das ist die eine Seite.

Die andere: Die Marktkonzentration im österreichische Lebensmittelhandel ist gewaltig. Die drei dominierenden Ketten kommen auf einen Marktanteil von 85 Prozent, Tendenz steigend. Die drei großen Player heißen Spar, Rewe und Hofer - also genau die Topinteressenten für Zielpunkt-Filialen.

Damit ist die Lose-lose-Situation skizziert: Wer viele Jobs retten möchte, muss eine weitere Marktkonzentration in Kauf nehmen. Wer für mehr Wettbewerb eintritt, gefährdet Arbeitsplätze. In genau diese Zwickmühle gerät jetzt die Wettbewerbsbehörde, die möglichen Übernahmen durch die Marktbeherrscher zustimmen muss.

Notausgänge gibt es nur wenige. Spar ist in Ostösterreich, abgesehen von Wien, noch nicht an jeder Straßenecke vertreten. Auch Lidl hat beim Filialnetz noch Aufholbedarf. Die Menge bringt das aber nicht. Ideal wäre eine große ausländische Kette, die gleich alles nimmt. Doch so nett ist die Globalisierung nicht, dass sie uns das beschert.

Rechtlichen Spielraum haben die Kartellwächter über die Ausnahme einer "Sanierungsfusion", deren Bedingungen auf Zielpunkt halbwegs zutreffen. Hinzu kommt, dass Spar, Rewe und Hofer ihre Dominanz - ganz gegen die Marktlehre -bisher nicht ausgenutzt haben, um die Preise anzuheben. Im Gegenteil, der Preiskampf ist hart. Die Konsumenten freut das, auf die Lieferanten kommen dagegen noch härtere Zeiten zu.

Leitartikel aus FORMAT Nr. 49/2015
Lesen Sie das ganze FORMAT als ePaper. Klicken Sie hier zum Download.

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten

Kommentar

Standpunkte

Stiegl-Eigentümer Heinrich Dieter Kiener: Auf ein Bier mit John Maynard Keynes