Eine Sache der Balance

Eine Sache der Balance

Österreich ist wieder einmal in einer Vorwahlzeit angekommen. Das ist hierzulande eine Zeit, in der versucht wird, den Menschen zu vermitteln, sie hätten eine Wahl.

Der Versuch ist in die Jahre gekommen; nicht nur die Mehrzahl der Akteure ist müde, das immer gleiche Schauspiel aufzuführen, auch die sogenannten Wahlberechtigten sind es. Ja, von Zeit zu Zeit wechseln einzelne Darsteller in tragenden Rollen, aber die Inszenierungen werden immer noch banaler und am Ende kommt immer raus, was rauskommen muss: eine große Koalition. Und weil diese große Koalition, die eigentlich gar keine Koalition wirklich unterschiedlicher weltanschaulicher Positionen, sondern weitgehend eine Einheitspartei ist, immer kleiner wird, wird sich demnächst noch eine weitere Partei dieser Einheit unterwerfen müssen, damit alles bleiben kann, wie es ist.

Und, wenn man als Manager gewohnt ist, Menschen in ihrer beruflichen Dimension an ihren Ergebnissen zu messen, dann wird man das auch bei den Politikern tun und zugeben müssen, dass die Ergebnisse Österreich immerhin mitten in die Weltklasse geführt haben, was ja nicht einfach selbstverständlich ist. Nun sind Manager aber auch gewohnt, Erfolg und Misserfolg nicht nur statisch zu betrachten, sondern in Zeitreihen. Und dabei wird man unschwer erkennen, dass Österreich in den letzten Jahren nach unterschiedlichen, aber eben gängigen KPIs (Key Performance Indicators) im internationalen Vergleich spürbar an Terrain verloren hat. So etwas bezeichnet man dann etwas salopp als einen Trend. Einen Trend umzukehren ist keine kleine Übung. Das setzt neben der Einsicht um die Notwendigkeit auch den unabdingbaren Willen zur Veränderung voraus; das sind Zugänge, die sich nicht aus der Kontinuität nähren, sondern aus disruptiven Wahrnehmungen.

Ein wesentlicher Aspekt, der in Österreich einer deutlichen Neubewertung bedarf, ist das Verhältnis von Privat und Staat. Damit ist jetzt gar nicht die unselige Diskussion angesprochen, ob nun mehr Staat oder mehr Privat besser für das Gemeinwesen ist, sondern eine intelligente Arbeitsteilung zwischen Privat und Staat. Und die gibt es. Sie ist nur in Österreich weitgehend verschüttet. Auch durch dumme Killerphrasen.

Schauen wir uns das zuerst einmal am Beispiel Medien an. Das noch immer größte Medienunternehmen Österreichs, der ORF, gehört - rechtlich ein wenig verklausuliert - dem Staat. Österreichs älteste Zeitung, die Wiener Zeitung, auch. Beide benehmen sich, als stünden sie im Wettbewerb mit den Privaten und leben in Wahrheit überwiegend von den Bürgern und den Unternehmen dieses Landes abgezwungenen Gebühren. Sie sind inhaltlich über weite Strecken verwechselbar mit den Privaten und werden nicht nur verwechselt, sondern - konsequent - auch ausgewechselt. Die stetig sinkenden Marktanteile beweisen das deutlich. Klug wäre, das Gebührenprivileg zu nutzen, um sich von den Privaten zu unterscheiden, um unverwechselbar zu sein und anzubieten, was der Markt nicht anbieten kann, weil es kommerziell nicht darstellbar ist.

Ein zweites Beispiel ist die Daseinsvorsorge. Damit meint man die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse, wie etwa die Gas-, Wasser-und Elektrizitätsversorgung und auch, umgekehrt, die Entsorgung. Auch hier behält sich die sogenannte Öffentliche Hand die Erfüllung dieser Grundbedürfnisse entweder überhaupt vor oder tritt auch hier in einen ungleichen Wettbewerb mit den Privaten, statt sich auf die Formulierung von Rahmenbedingungen, Ausschreibungen, auf die Vergabeentscheidungen, die Kontrolle und Sanktionierung zu konzentrieren und die Umsetzung und nur die Umsetzung privaten Anbietern zu überlassen.

Österreich wäre also gut beraten, seine begrenzten Kräfte nicht an der Frage mehr oder weniger Staat abzuarbeiten, sondern sie in eine intelligente Arbeitsteilung zu investieren. Ein Ansatz unter vielen. Für eine neue Politik.

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Horst Pirker, Vorsitzender des Vorstandes der Saubermacher Dienstleistungs AG; Professor für Medienmanagement und Medienentwicklung an der Karl Franzens Universität Graz; Gesellschafter der Medecco Holding GmbH, Wien

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