Eine hässliche Macht namens FIFA

Eine hässliche Macht namens FIFA

Nun hat es also kurz vor dem Start der Fußball-WM in Brasilien noch den "Kaiser“ Franz Beckenbauer erwischt. Auch die deutsche Fußballikone soll eine nicht gerade rühmliche Rolle bei der umstrittenen Vergabe der Fußball-WM 2022 nach Katar gespielt haben, berichten deutsche Medien.

Das ehemalige FIFA-Exekutivkomitee-Mitglied sei im Vorfeld der Vergabe mehrfach mit dem katarischen Geschäftsmann bin Hammam zusammengetroffen, dem maßgeblichen Strippenzieher bei der WM-Beschaffung. Den Fragen der für die Aufklärung des Falles zuständigen FIFA-Ethikkommission weicht Beckenbauer beharrlich aus.

Als korruptionsgeplagtem Österreicher kommen einem zwei Gedanken in den Sinn. 1) Gut, dass kein Österreicher im FIFA-Exekutivkomitee sitzt bzw. gesessen ist. Und 2) Wie ist es möglich, dass man seit Jahren über Korruption im Weltfußballverband Bescheid weiß, sich aber so gut wie nichts tut? Dagegen nimmt sich die Aufklärung im heimischen Korruptionsfall Telekom - verbunden mit etlichen neuen Compliance-Vorschriften für die gesamte Wirtschaft - geradezu wie ein Eilverfahren aus.

Für viele Beobachter ist die Wurzel des Problems rasch gefunden: FIFA-Präsident Joseph Blatter ist die Ursache allen Übels, er muss weg. Tatsächlich hat er über Jahre hinweg - er absolviert gerade seine vierte Amtszeit - bei etlichen Korruptionsfällen im eigenen Haus zugesehen und dabei einen Machtapparat beim Weltfußballverband etabliert, den böse Zungen Filz nennen. Dennoch: Der Rausschmiss Blatters zur Rettung der FIFA greift zu kurz.

Denn der Boss allein ist nicht für viele umstrittene Verbandsregeln verantwortlich. Diese werden von nationalen Fußballverbänden weltweit mitgetragen. Ein Beispiel: Wo bitte - mit Ausnahme von Swasiland vielleicht - kann ein Präsident überhaupt vier Amtszeiten à vier Jahren in Folge abdienen und sich dann noch kühl lächelnd um eine fünfte bewerben? Die FIFA-Regeln machen es möglich: Es gibt weder ein Alterslimit noch Amtszeitbeschränkungen.

Die Präsidentschaft ohne Ablaufdatum ist nur ein Beispiel dafür, wie sich der Verband über rechtliche Usancen hinwegsetzt. Jahrelang bezahlte die FIFA an ihrem Sitz in Zürich praktisch keine Steuern. Im Jahr 2010 war es angeblich eine Million Dollar bei mehr als 200 Millionen Dollar Gewinn. Auch von Ausrichterländern verlangt der Verband Steuerbefreiung und oktroyiert ihnen die eigenen Regeln auf. Während die FIFA mit geschätzten drei Milliarden Euro Gewinn aus Brasilien abreisen wird, bleibt das Schwellenland mit einem Budgetloch von elf Milliarden zurück. Ex-Fußballstar Diego Maradona hat die FIFA darum als "hässliche Macht“ bezeichnet, der die Mitgliedsländer viel zu zaghaft entgegentreten.

Die Regeln sehen auch vor, dass eigene FIFA-Ermittler hausinterne Missstände untersuchen, über die später eigene FIFA-Richter urteilen. Wenig überraschend, dass außer einer Sperre auf Lebenszeit dabei wenig herauskommt. Wo in der zivilisierten Welt liegen Exekutive, Legislative und Judikative so nah beisammen? Jene FIFA-Gesetze sind es auch, die es Beckenbauer möglich machen, zu seinen Katar-Verbindungen zu schweigen. Es gibt keine Aussagepflicht für Ex-Komiteemitglieder. Nicht von ungefähr meinte ein Korruptionsexperte einmal: "Über der FIFA ist nur der liebe Gott.“

Eine Erklärung, weshalb die FIFA dieses unschöne Machtspiel seit Jahren ungehindert weiter spielen kann, liegt in den Millionenbeträgen, die sie verteilt. Weltweit schüttet der Verband täglich (!) 550.000 Dollar zur Förderung des Fußballs aus. Mit den zusätzlich knapp zwei Millionen Dollar pro Tag für die Veranstaltung von internationalen Wettbewerben ist der Verband ein bedeutender Wirtschafts-Machtfaktor. Vor allem unterentwickelte Länder gieren geradezu nach den FIFA-Geldern und fressen der FIFA aus der Hand. Und wer beißt schon gerne die Hand, die einen füttert? Viele Verbände wollen also - trotz der skandalösen Katar-Vergabe und der Probleme rund um die Ausrichtung in Brasilien - gar nicht, dass sich bei der FIFA etwas ändert.

Aber die FIFA muss grundlegend reformiert werden, will man die Reputation des Fußballs nicht komplett zerstören. Und Großkonzerne wie Adidas oder Sony sowie die Fernsehsender, die die FIFA mit Millionen versorgen, müssen den Druck erhöhen, um diese Reformen einzufordern. Immerhin ein erster Schritt ist getan: Ab der WM 2026 entscheidet statt des 25-köpfigen Exekutivkomitees der FIFA-Kongress mit 209 Verbänden über die Vergabe von Großereignissen. Alle zu beeinflussen, könnte sogar für ein reiches Land wie Katar zu teuer werden.

- Angelika Kramer

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten

Kommentar

Standpunkte

Stiegl-Eigentümer Heinrich Dieter Kiener: Auf ein Bier mit John Maynard Keynes