Ein Neubeginn muss von mutigen Unternehmern getragen werden

„In Zeiten der steigenden Risikoaversion kommt es zur Renaissance des österreichischen Unternehmertums.“

Keine Frage, der 14. September 2008 wird als einer der Tage in die Geschichte eingehen, die die Finanzmärkte verändert haben. Jener Sonntag also, an dem Ken Lewis, CEO der Bank of America, Merrill Lynch übernahm. Der Sonntag, an dem für Lehman Brothers keine Lösung gefunden werden konnte, nachdem Barclays als letzter Interessent vom Kauf zurücktrat. Jener Sonntag, der die Finanzmärkte weltweit in heftige, mona­telange Turbulenzen stürzte. Der Lehman-Zusammenbruch wird in unseren Köpfen einen ähnlich festen Platz einnehmen wie der Zusammenbruch der Wiener Bodencreditanstalt im Oktober 1929 in den Köpfen unserer Großväter.

Die Entscheidung der Privatbanken, nicht um jeden Preis Lehman zu retten, wird für Eingeweihte verständlich bleiben. Schließlich erwähnte der ehemalige Chef der Creditanstalt, Heinrich Treichl, anlässlich seines im letzten Jahr begangenen 95-jährigen Geburtstages den Druck seitens des Kanzlers ­Johann Schober, der den damaligen Eigentümer der Credit­anstalt, Nathaniel Rothschild, 1929 zum Kauf der Bodencreditanstalt bewegte. Rothschild war zum Kauf des Problemfalls bereit gewesen. Das hatte allerdings die Konsequenz, dass Rothschild im Jahr 1931 seine Creditanstalt nicht mehr vor der Insolvenz retten konnte.

Die Wurzeln des Problems liegen aber weit tiefer, die Analyse des Problems ist komplex: Die Krise begann mit der Politik des billigen Geldes, also mit Fehlern in der Geldpolitik, gefolgt von Fehlentwicklungen im Bankensektor – in Österreich und Deutschland mindestens so sehr wie in den USA. Der Doyen der österreichischen Privatbanken, Christoph Kraus, hat uns zuletzt in einem wohlformulierten Feuilleton an die Folgen der Gier und der Aufgabe jeder Regeln und Ethik erinnert.
Noch im Frühjahr 2007 lag die Marktkapitalisierung der börsennotierten österreichischen Aktiengesellschaften bei 145 Milliarden Euro. Insgesamt sind 20 Milliarden Euro Marktwert des Jahres 2007, also 14 Prozent der damals an der Börse repräsentierten Werte oder jeder siebte investierte Euro, heute in Unternehmen gefangen, die Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen und mannigfaltiger öffentlich gewordener Ungereimtheiten sind. Zusätzlich erhöhten eine Reihe von problematischen Entwicklungen von börsennotierten Unternehmen die Verluste von Investoren, die auf die Kontrolle des österreichischen Aktienmarktes vertraut hatten.

So haben uns manche Aktien wie etwa die Erste Bank gezeigt, was ein Minus von 90 Prozent für Aktionäre bedeuten kann: erst minus 80 Prozent bis Jahresende 2008, um von diesem Niveau noch mal mit 50 Prozent bis März 2009 abgestraft zu werden. Schnell erkannte der Markt die Absurdität der Bestrafung selbst konservativ und gut geführter sowie breit diversifizierter Institute. Für Investoren, die weiterhin in Aktien wie der Erste Bank blieben, ist seit März 2009 ein Gewinn von bis zu 200 Prozent daraus geworden. Ängste über die Zahlungsun­fähigkeit österreichischer Systembanken wirken trotz großer Probleme übertrieben. Leider wurden Vorurteile gegen die CEE-Strategie österreichischer Leitbetriebe noch dadurch weiter geschürt, dass der Internationale Währungsfonds IWF Fehler in der Berechnung von Kreditausfällen in CEE und Österreich beging – wofür sich der IWF inzwischen entschuldigen muss­te. Doch das Topmanagement der österreichischen Banken hat richtig reagiert, unaufgeregt gehandelt und arbeitet mit hohem Einsatz an der Restabilisierung der Finanzindustrie. Solcherart ist die österreichische Finanzbranche – trotz ihrer hohen aktuellen Anspannung – wohl auch im nächsten Jahrzehnt Garant für spannende Karrieremöglichkeiten in unserem Land.

In schwierigen Zeiten können auch die Grundsteine für ­erhebliche Vermögen gelegt werden. Im Wien der Nachkriegszeit, in der Hyperinflation der 70er-Jahre oder auch 2001, nach dem Zusammenbruch der Dot.com-Blase, sind uns die Fähigkeiten unternehmerisch veranlagter, mutiger Persönlichkeiten in Erinnerung. Sie haben die wirtschaftliche Instabilität, falsch bepreiste Vermögenswerte und mangelnde Zuversicht zunächst für sich, dann auch zugunsten der gesamten Volkswirtschaft genutzt. Diesem Unternehmergeist ist zuvorderst die Überwindung tief gehender ökonomischer Probleme zu verdanken.

An den Börsen scheinen die Sorgen derzeit wohl schon wieder weggewischt. Inwieweit können wir die stürmische Rally der letzten Wochen bei Immobilien, Banken oder Industrie erklären? Für führende Finanzmarkt-Profis ist die Rally übertrieben. Noch ringen der IWF und nationale Prognoseinstitute um den schlechtesten Ausblick und prognostizieren einhellig negatives Wachstum für 2009 und 2010 in den Hauptexportmärkten Österreichs. Insofern dürfen wir uns für die nachhaltige Gesundung wohl nicht zu viel von den Börsen erwarten. Der Schreck sitzt den Anlegern immer noch in den Gliedern.
In diesen Zeiten steigender Risikoaversion und strengerer Kreditwürdigkeitsprüfungen zeigt sich aber eines: die Renaissance des österreichischen Unternehmertums. Die Tatkraft all jener, die Vorhandenes optimieren, Produktionen absichern und auch in schwierigen Zeiten den Mut zur Investition haben. Sie werden auch aus dieser Krise gestärkt herauskommen. Ab Winter 2009/10. Im erwarteten Aufschwung.

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