Egoismus, Moral, Kapital

Egoismus, Moral, Kapital

Zur Ehrenrettung von Adam Smith, Vater der Volkswirtschaftslehre und des Kapitalismus. Und warum philosophische Werke die Ideal-Lektüre für Unternehmer sind.

"Wissenschaft ist das wirksamste Mittel gegen das Gift des Enthusiasmus und des Aberglaubens.“ Adam Smith

Dieser Essay hat zum Ziel, eine Re-Alphabetisierung der Unternehmer anzuregen und im Zuge dessen den großen Schotten Adam Smith zu rehabilitieren. Dieser steht unverdient im Verdacht, Urquelle der moralischen Defizite der Gegenwart zu sein.

Fangen wir mit der Re-Alphabetisierung an. Dieses gemeine Wort soll aufrütteln und schießt übers Ziel. Alle Unternehmer können logisch lesen und schreiben, nützen diese Fähigkeiten aber nur so weit, wie es für die Führung des Unternehmens notwendig ist. Von einem höheren Gebrauch dieser Fertigkeiten kann nicht die Rede sein: Man führt keine privaten Tagebücher, schreibt keine handschriftlichen Briefe und hat schon lang keinen Roman mehr gelesen.

Es sind die Unternehmer selbst, die mir dies bekümmert gestehen, in privaten Stunden nach den Vorträgen, die ich landauf, landab halte. Oder in Privatissima, zu denen ich von Firmen-Vorständen geladen werde. Sie vertrauen dabei auf drei Fähigkeiten des Eingeladenen. Erstens auf Diskretion. Zweitens auf die Fähigkeit des Zuhörens, die selten und wertvoll wurde. Drittens darauf, dass ich nach 40 Jahren als Botschafter des trend fast alles über die innere Befindlichkeit von Unternehmern wisse.

Dieser dritte Vorschußlorbeer ist zurückzuweisen. Ich weiß wenig darüber, weil sich jede Spitzen-Führungskraft als krasser Individualist erwies. Man strebt ja in die dünne Luft des Vereinzelten und oft Vereinsamten, weil man sich als Teil der so genannten "Masse“ nicht wohl fühlt. Und weil man, wie man gestehen sollte, überzeugt davon ist, manches besser zu wissen und besser zu können als andere. Mit Vergnügen hörte ich einen Tiroler Unternehmer, der mir seine "Motivation fürs Höhere“ verriet: "Ich wollte endlich keinen mehr über mir haben, der noch blöder ist als ich.“

Gleichwohl gibt es auch an der Spitze der Individualisten ein paar gemeinsame Nenner. Zum Beispiel zwei spezielle Sorgen. Sorge 1: Schlechtes Gewissen gegenüber der Familie, für die oft zu wenig Zeit und Kraft bleibt. Sorge 2: Man komme beim besten Willen nicht mehr zum Lesen. Obwohl man sich noch ans Vergnügen erinnere, als man als Kind "Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ (Mark Twain) und als Jugendlicher "Die Leiden des jungen Werther“ (Goethe) und "Lady Chatterleys Lover“ (D.H. Lawrence) las.

Es gibt für das Lesen als Kraftquelle (und letztlich als Zeitgewinn, nicht Zeitverlust) gute Argumente, die ich in trend-Essays beschrieb und nicht wiederholen will. Leider gibt es keinerlei Hilfe, diese Argumente in die "Tat des Lesens“ umzumünzen. Entweder schafft man dies mit eisernem Willen, oder eben nicht. Eine beinahe darwinistische Auslese. Meine Oma, eine Bäuerin, sagte: "Du kannst die Stiere und Kühe zum Bach führen, aber saufen müssen sie selbst.“

Allerdings kommt mir gerade die merkwürdige Idee, philosophische Werke als Lektüre zu empfehlen. Klingt nicht nach Entspannung, ist aber vielleicht die Ideallektüre für Führungskräfte, die epische Romane und Lyrik nicht lesen, weil deren Inhalt keinen Praxisnutzen verspricht. Die besten Philosophen hingegen bieten als Autoren folgende Vorteile:

• Lebensweisheit: Unternehmer und Topmanager als "Menschenführer“ können gar nicht genug davon haben.

• Heiterkeit: Eine Art froher Erhebung, die sich von flacher Lustigkeit ungefähr so unterscheidet wie homerisches Gelächter vom schrillen Gekreisch über einen Wirtshauswitz.

• Sound: Der Wohlklang schöner Sprache. Philosophen wie Schopenhauer und Nietzsche stehen als gläserne, bildstarke Formulierer weit über den meisten Erfolgs-Romanciers. Wenn Schopenhauer darüber schreibt, warum die Kunst uns zeitweise vom Kummer befreien kann, bleibt kein Auge trocken.

• Kreativität: Vordenker regen zum eigenen Denken in bisher unbeschrittenen Bahnen an, ein Weg zu Innovationen privater und beruflicher Natur.

Man wird, sobald man in den Sog der philosophischen Werke gerät, bald auch bei Adam Smith (1723-1790) landen, einem großen Denker, Pädagogen und Autor, der für viele moralische Defizite der Gegenwart als Stammvater genannt wird. Ein groteskes Fehlurteil.

Kaum ein andere Denker wurde je so verkürzt dargestellt wie der "Vater der Volkswirtschaftslehre“ und "Erfinder des Kapitalismus“. In 99 von 100 Fällen wird er durch ein Vokabel ("selflove“) und einen Satz typisiert, der übersetzt ungefähr lautet: "Die Summe aller Einzel-Egoismen ergibt das größte Gemeinwohl.“

Adam Smith bekennt sich damit im Hauptwerk "Wohlstand der Nationen“ (1776) zur Wettbewerbswirtschaft, die Wohlstand schafft, nicht zur Planwirtschaft, die Elend schafft. Er hat aber seine Grundaussage ethisch abgefedert - als Inhaber des Lehrstuhls für "Moralphilosophie“ in Glasgow und schon 1759 in seinem Werk "Theorie der moralischen Gefühle“.

Das heißt: Er taugt nicht als Vorbild für die globalen Wirtschaftskriminellen unserer Zeit oder die Finanz & Bank-Perversler, die noch 2007 glaubten, Börsenkurse seien interessanter als das Leistungsfundament der Aktien-Firmen. Adam Smith ist in Summe eher ein Philosoph unserer anständigen KMUs (Klein- und Mittelunternehmer), die mit ihren standort-treu und sozial-human erzeugten Weltklasseprodukten die Steuern der Gewinnverschieber und die Fehler der irregeleiteten Banker bezahlen mussten - und wohl noch einige Zeit müssen.

Daran ändert auch die Lektüre der Philosophen nichts. Mag aber sein, dass sie Kraft, Zuversicht und eine höhere Art von Heiterkeit schenkt. trend-Tipp für jene, die immer noch glauben, damit Zeit zu verlieren: Hören Sie auf Dienstfahrten die Philosophie-CD-Kassette (Einführungs-Vorlesungen, Uni-Wien) von Konrad Paul Liessmann. Das kostet keine Zeit. Es verkürzt die Strecke.

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