Drei Thesen zum Zeitungssterben

Drei Thesen zum Zeitungssterben

Online darf nicht gratis sein, guter Journalismus hat seinen Preis, und in der Wirtschaft ist ein neues Bekenntnis für die Zukunft von Print erforderlich.

"Jedem seine eigene Redaktion!", posaunte vor mehr als 80 Jahren Kurt Schwitters. Nur verstand der Dadaist darunter nicht den fatalen Realismus österreichischer Demokratiekultur. In meinem Beruf kommt es gar nicht so selten vor, dass Journalisten willfährige Berichterstattung gegen sogenannte Kooperationen anbieten.

Oder eben umgekehrt, dass sich Wirtschaftskapitäne gewogene Berichterstattung kaufen wollen. Und im Verhältnis Politik zu Medien können wir immer wieder Ähnliches berichten. Das führte bei jenen Exponenten der Wirtschaft, die zu Recht von diesen Sitten angewidert sind, zum sukzessiven Rückzug aus ihrer Verantwortung, mittels Werbeschaltungen zur Existenzgrundlage demokratisch notwendiger Printmedien beizutragen. Logisch folgt der finanzielle Überlebenskampf für Medien, die sich der zitierten Korruption entzogen haben und anständig blieben.

Nun könnte man argumentieren, dass dies lediglich eine technologiebedingte Veränderung sei und unsere Demokratie dadurch nicht gefährdet sei. Denn das Internet sichert die Kontrolle des Systems ausreichend, indem aufmerksame Blogger und Twitterer für die notwendige Transparenz sorgen. Bei allem Respekt für die Leistungen in der digitalen Welt drei Anmerkungen.

Erstens: Guter Journalismus braucht viel Erfahrung, fachliche Ausbildung und historisches Empfinden. Journalisten entscheiden auf dieser Grundlage darüber, was berichtet und in welchen gesellschaftlichen Kontext es gestellt wird. Die finanziellen Engpässe im Printmedienbereich führen aber oft zu personell unterversorgten Redaktionen und zur Anstellung von BerufsanfängerInnen ohne Ausbildung, die zudem häufig auf Basis von Zeilenhonoraren unter dem gesetzlichen Mindestlohn arbeiten.

Zweitens: Guter Journalismus kann in keiner Weise durch die Summe der Blogger und Poster ersetzt werden. Blogger haben eine wichtige Funktion bei der Meinungsbildung zu aktuellen Themen, sind aber im Allgemeinen befreit von redaktioneller Verantwortung. Und das anonyme Posting hat schon gar nichts mit Demokratiequalität zu tun, eher dem Gegenteil, der verantwortungslosen Denunziation.

Drittens: Globalisierung, Geschwindigkeit sowie Informationsüberfluss führen logischerweise zu einer Nivellierung von Bedeutungen. Alles ist gleich viel oder gleich wenig bedeutend.

Es ist für die meisten nicht einfach, sich darin zu orientieren und Anhaltspunkte zu finden. In den letzten Jahren haben sich in diesem Zusammenhang Entwicklungen gezeigt, die wir als Arbeitsteilung zwischen analogen und digitalen Medien erkennen können. So hat das Internet einen völlig anderen Wahrnehmungsrhythmus als Printmedien bekommen. Über das Internet wird meist aktuelle Information angefordert. Die Leserschaft in Zeitungen und Magazinen sucht zusätzlich Orientierung und Hintergrund.

Das ist ein wesentliches Argument. Denn die Techniken der Massenkommunikation zielen immer mehr auf die Zerstörung der Kontexte und kalkulieren mit dem Wissen um das Kurzzeitgedächtnis. Was das für die Qualität der Demokratie bedeutet, muss nicht ausgeführt werden.

Vor einigen Jahren wies in diesem Zusammenhang der französische Philosoph Jean Baudrillard darauf hin, dass die „Dynamik der progressiven und universellen Deregulierung der menschlichen Beziehungen“ zu einem Kollaps führen wird, weil wir keine Zusammenhänge mehr erkennen können. Printmedien haben also für die Demokratiequalität einer Gesellschaft, aber auch für deren Zusammenhalt eine fundamentale Bedeutung.

Für alle Beteiligten stehen daher große Aufgaben an. In den Verlagen ist die intelligente Arbeitsteilung zwischen Printmedium und Online zu lösen. Und sie müssen sich dazu bekennen, gute Information nicht gratis im Internet anzubieten. Denn die gute journalistische Leistung hat einen Preis. In den Mediaagenturen ist der für die Printmedien ruinöse Wettbewerb, immer mehr Werbeseiten für immer weniger Geld zu verkaufen, einzustellen. Und schließlich ist in der Wirtschaft ein neues Bekenntnis erforderlich, ihre Verantwortung für die Zukunft der Printmedien zu tragen und damit auch der unternehmerischen Handlung in Zukunft einen gesellschaftlichen Stellenwert zu verleihen.

- Dietmar Ecker ist Eigentümer der PR-Agentur Ecker & Partner

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