Die USA sind und bleiben die globale Weltmacht Nummer eins

Die USA sind und bleiben die globale Weltmacht Nummer eins

Der Niedergang der Vereinigten Staaten von Amerika wird oft und gerne prophezeit. Wahr hingegen ist das Gegenteil: Die USA sind und bleiben die globale Weltmacht Nummer eins.

Eric Hobsbawm, Marxist und Kommunist, war ein Liebhaber des Jazz. Hobsbawm, der auch nach dem Zusammenbruch der UdSSR das Konzept Lenins immer verteidigt hatte, stand im Banne der amerikanischsten aller Formen von Musik. In dem 1998 veröffentlichen Sammelband "Uncommon People. Resistance, Rebellion und Jazz“ sind acht von 26 Beiträgen dem Jazz gewidmet.

Der Jazz steht für eine kulturelle Form US-amerikanischer Hegemonie. Die Musik, lange Zeit in Europa (nicht nur von Nazis) als "Negermusik“ verunglimpft, eroberte nach 1945 die Welt. Gleichzeitig kam die Welt auch politisch und wirtschaftlich in den Bann Amerikas.

Als 1942 Joseph Schumpeter, in den Anfängen der Republik Österreich für kurze Zeit deren Finanzminister, an der Harvard University sein Buch "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ veröffentlichte, war es wie ein Abgesang auf die Demokratie. Mit Ausnahme der Schweiz und Schwedens, die als Neutrale ein durch den Zufall der Geographie ermöglichtes Inseldasein in dem von Hitler und seinen Verbündeten beherrschten Kontinent führten, schien Europa ferner denn je von jeder Vorstellung von Demokratie. Neben den USA hielten noch Großbritannien und einige britische Dominions die Fahne der Demokratie hoch. Die Zukunft schien totalitären Systemen zu gehören.

Es war der Sieg der Alliierten, ermöglicht durch den Kriegseintritt der USA, der 1945 eine Welle der Demokratisierung einleitete. Diese neuen Demokratien trugen wesentlich die Handschrift der USA - allen voran Japan, aber auch in Deutschland, Italien und Österreich. Indien, 1947 von der britischen Kolonialmacht in die Unabhängigkeit entlassen, wurde zur größten Demokratie der Welt - ein Bundesstaat, der seine Strukturen weitgehend nach dem Muster der USA gestaltete.

Im Kalten Krieg stand die Führungsmacht der Demokratie zunächst der scheinbar geschlossenen Antithese einer Zweiten Welt gegenüber. Die Systeme sowjetischen Typs beanspruchten auch die Demokratie für sich - bis die Implosion des europäischen Kommunismus die liberale, pluralistische Demokratie zum in ganz Europa unbestrittenen Modell machte. Die Erste Welt hatte die Zweite überwunden.

In Asien begann die Volksrepublik China einen radikalen Reformkurs, der zwar nicht die Demokratie, sehr wohl aber den Kapitalismus à la USA zum Vorbild hatte. Anderswo in Asien wandelten sich Diktaturen in Demokratien - Südkorea, Taiwan, die Philippinen. In Lateinamerika brachen Militärdiktaturen zusammen, in Südafrika machte das unsägliche Apartheid-System einer pluralistischen Demokratie Platz.

Die Amerikanisierung der Welt läuft auf eine Gleichmacherei hinaus. Und die hat auch bedrohliche Seiten: Heute verfügen neben den fünf ständigen Mitgliedern des UN- Sicherheitsrates auch Indien, Pakistan, Israel, Nordkorea und vielleicht bald der Iran über Atomwaffen.

Der Abstand zwischen dem messbaren Reichtum der USA gegenüber der übrigen Welt hat in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich abgenommen. Und während um 1970 Prognosen vorhersagten, Japan würde in absehbarer Zeit die USA wirtschaftlich überflügeln, so ist heute China der Favorit derer, die darauf setzen, demnächst würden die USA eingeholt und überholt werden. Das mag alles sein. Doch wenn man die USA nicht als einen Staat zwischen Kanada und Mexiko, zwischen Atlantik und Pazifik sieht, sondern als politisches und wirtschaftliches, als gesamtgesellschaftliches System, dann ist der Rückzug der USA aus einer uneingeschränkten Führungsposition auch so etwas wie eine "selfelimination by success“: Amerika hat sich durchgesetzt. Deshalb braucht es nicht mehr die Präsenz von US-Truppen in allen Teilen der Welt, deshalb braucht es nicht mehr die Überlegenheit der US-Autoindustrie oder die erste Position in den Rankings wirtschaftlicher Erfolge. Der amerikanische Erfolg zeigt sich in Europa, in Indien, und - ja, auch - in China.

Und dennoch: Nichts scheint heute so populär zu sein wie die Vorhersage des Untergangs der US-Hegemonie. Das amerikanische Zeitalter sei mit der Jahrtausendwende zu Ende gegangen, so eine Alltagsweisheit. Diese hat ja einiges für sich: Die USA mussten lernen, dass sie ihre geopolitischen Interessen nicht einfach mit militärischer Gewalt durchsetzen können. Von Vietnam bis zum Irak dauerte dieser Lernprozess. 2011 waren es europäische Mächte, die in das Chaos des libyschen Bürgerkriegs militärisch eingriffen, weil die USA, gerade mit dem Rückzug aus Afghanistan beschäftigt, die Lust auf ein weiteres militärisches Engagement verloren hatten. Frankreich und Großbritannien agierten, als wären sie die USA - mit deren zögerlicher Zustimmung, aber ohne deren direkte militärische Unterstützung.

Die Welt ist amerikanisch geworden, und die USA müssen sich nicht mehr in militärische Abenteuer weit entfernt von ihren Küsten stürzen. Die Welt ist pluralistisch geworden, wie sie es zu Schumpeters Zeiten fast nur noch in den USA war. Die Welt ist kommunikativ vernetzt, wie dies US-amerikanische Technologie ("Silicon Valley“) ermöglicht hat.

Aber geliebt, geliebt werden "die Amerikaner“ deshalb noch lange nicht. US-Flaggen werden (nicht zufällig häufig im Gleichklang mit israelischen) regelmäßig in vielen Teilen der Welt verbrannt, die Globalisierungskritik bedient nur zu oft anti-amerikanische Vorurteile (wiederum: oft in Verbindung mit "anti-zionistischen“). Die dominante Reaktion auf den Siegeszug amerikanischer Politik, Wirtschaft und auch Kultur ist eine oft schadenfrohen Beckmesserei, die den USA kritisch vorhält, was an der amerikanischen Gesellschaft aus guten oder weniger guten Gründen kritisierbar ist: die massenmörderischen Schießereien an amerikanischen Schulen und Universitäten; das Weiterbestehen der Todesstrafe in den meisten Staaten der USA; die bizarr anmutenden religiös-politischen Aussagen evangelikaler Christinnen und Christen.

Dass die Todesstrafe auch in Demokratien wie Indien und Japan weiter angewendet wird - von den Hinrichtungen in China und im Iran einmal abgesehen -, geht dabei unter; dass auch an europäischen Schulen gemordet wird, dass ideologisch motiviertes Massenmorden in der europäischen Vorzeigedemokratie Norwegen stattfinden konnte, wird kaum in einen Vergleich mit den USA eingebracht; dass in europäischen Staaten (vor allem im vormals kommunistischen Osteuropa) das Christentum als Begründung der Diskriminierung gleichgeschlechtlich orientierter Menschen herhalten muss, wird vom üblichen europäischen Antiamerikanismus kaum erwähnt.

Sigmund Freud hat den Narzissmus der kleinen Unterschiede beschrieben: Damit wir uns bestätigen, müssen wir anders sein. Damit wir uns das Ausmaß der globalen Amerikanisierung nicht eingestehen müssen, betonen (erfinden?) wir alles, was uns anders macht - anders als die Amerikanerinnen und Amerikaner.

- Anton Pelinka ist einer der bekanntesten Politologen Österreichs, lehrt an der Central European University Budapest, ist Sachbuchautor sowie Kommentator für ausgewählte Medien.

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