Die Steiermark-Wahl: „I brauch ka
große Welt, i wü ham nach Fürstenfeld“

Es war 1984 – im berüchtigten Orwell-Jahr –, als eine junge steirische Band einen Song herausbrachte, der den deutschsprachigen Musikmarkt eroberte. STS wurde mit „Fürstenfeld“ berühmt und gewann Platin, weil das damals offenbar dem Lebensgefühl der (Land-)Jugend exakt entsprach. Da schildert ein patscherter Steirerbua seine Versuche, in Wien als Straßenmusikant zu reüssieren. Erfolglos geblieben, will er schließlich nichts wie heim nach Fürstenfeld, nach Sinabelkirchen und Stinatz, denn „i brauch ka große Welt …“.

Heute, im Rückblick, kann man den Erfolg der Single durchaus als Signal deuten: Viele Bürger sind auf die „kleine“ Welt bezogen, sie wollen „zurück zur Steiermark“. Das Österreichische wird zurückgereiht – und erst recht und bis heute ein geeintes Europa. Dabei waren internationale steirische Erfolge in den 80er-Jahren reichlich gesät: Arnie Schwarzenegger war Superstar in Hollywood, Nikolaus Harnoncourt auf dem Sprung zu einer musikalischen Weltkarriere, Dietrich Mateschitz eroberte 1984 mit seinem Weltgetränk Red Bull die Märkte. Der steirische Forstwirt Karl/Karel Schwarzenberg wurde 1984 Präsident der Helsinki-Föderation und damit ein maßgeblicher Demonteur des Eisernen Vorhangs; und der ursteirische Werkzeugmacher Frank Stronach kehrte in die Steiermark zurück – als Milliardär.

Namen von steirischen Literaten wie Barbara Frischmuth, Wolfgang Bauer, Gerhard Roth oder Alfred Kolleritsch machten die Runde.

Diese Erfolge waren allerdings nicht selbstverständlich

Denn die Steiermark erblühte nicht von selbst, sondern dankte dies einem unglaublichen Zweitaktmotor der Ära zuvor: Da schaffte es ein bettelarmer Bauernbub und Holzknecht aus den Gurktaler Alpen, 22 Jahre lang Landeshauptmann zu sein – Josef Krainer sen. Und neben ihm stand ein feinsinniger Universitätsprofessor und Kulturreferent als Ratgeber – Hanns Koren. Beide verstanden sich in ihrer Art als Nachfolger des talentiertesten Habsburgers der neueren Geschichte – des Erzherzogs Johann. Unter Krainer & Koren konnte jedenfalls die Steiermark sogar die Kulturpolitik von Bruno Kreisky unterlaufen, die mit ihrem modischen 68er- Getue und dem langweiligen Unterrichtsminister Fred Sinowatz nicht sonderlich authentisch war. Graz wurde und blieb eine aufregende Kulturmeile eines weltoffenen Neo-Österreichs.

Allerdings ärgerten Krainer & Koren die eigenen konservativen Parteifreunde in Wien – beherrschten sie doch den politischen „Doppelpass“ – fürs „Dahoam“ viel Steirerfreud, für alle anderen die Koren-Definition: „Heimat ist Tiefe, nicht Enge“. Derlei war auch die richtige Sprache für die Deutschnationalen der Steiermark, die Krainer sammelte und in die ÖVP integrierte.

Nach 1980 setzte Krainers gleichnamiger Sohn „Joschi“ die Grundphilosophie der „Steirischen Breite“ seines Vaters fort. Nur hatte er keinen Hanns Koren an seiner Seite – vielmehr den ehrgeizigen Parteisekretär Gerhard Hirschmann. Und dieser trieb die Stichelei gegen Wien auf die Spitze: Als die Bundesregierung Draken-Abfangjäger in der Steiermark stationieren wollte, organisierte Hirschmann ein Volksbegehren, und Krainer unterstützte gegen den ÖVP-Verteidigungsminister im Parlament ein Misstrauensvotum. Um schließlich 1995 entgegen jeder demoskopischen Vernunft eine Woche vor Weihnachten die Landtagswahlen an die Nationalratswahlen anzuhängen. Was folgte, war eine saftige Niederlage: Krainers Familien-Ära ging zu Ende, man zerstritt sich in der ÖVP heillos und musste danach trotz anfänglicher Frauenpower von Waltraud Klasnic sehenden Auges den Machtwechsel zur SPÖ hinnehmen.

Die Genossen ihrerseits versprachen ein buntes Allerlei und hatten jetzt immerhin fünf Jahre Zeit plus Chance für eine kluge Landesinnen- und -außenpolitik.

Doch Franz Voves setzte auf die Uralt-Masche: Er zeigte der Bundesregierung und den anderen acht Bundesländern, wie man Kanzler am Telefon warten lässt, verbalradikale Interviews forciert und fürs Parteivermögen Stiftungen konstruieren lässt. Und die neue steirische ÖVP-Führung unter Hermann Schützenhöfer? Sie stritt zunächst wacker gegen die große Koalition im Bund und war auch sonst konsequent auf Anti-Wien-Kurs; dann schwenkte sie auf einen realpolitischen Weg ein und bewies in der Asylanten- und Moslemfrage Vernunft. Daher ist mit gutem Grund die Frage zu stellen: Was kann ein neuerlicher Machtwechsel der Steiermark und ihren Bürgern bringen?
Regieren doch in der Mur-Mürz-Furche wie eh und je die roten Betriebsratskohorten die SPÖ – und nützen in der ÖVP erprobte Bündefunktionäre ihren Steireranzug als Rüstung gegen unzufriedene Erneuerer.

Die Steiermark liegt bei vielen statistischen Daten im Mittelfeld; die seinerzeitige Betriebsansiedelungspolitik, die Industriecluster und Forschungszentren bedürfen dringend einer Revitalisierung. Und dann ist da der weite Raum des Südostens, mit dem die grüne Mark seit Jahrhunderten verbunden ist. Arges ist zu befürchten, wenn der Weg „Zurück zur Steiermark“ führt. Oder was meinen die Herren Landesparteisekretäre mit dem Slogan: „Wir wollen den Steirern ihr Land zurückgeben“? Sind Gartenzwerge auf dem Marsch zum Semmering? Oder gilt, was der STS-Steirerbua in „Fürstenfeld“ reimte: „Niemals spiel i mehr in Wien … Wien hat mi gar net verdient“?

Hans Magenschab
Historiker und Publizist

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