Die Regeln der Macht als Praxis der Lebensklugheit

Die Regeln der Macht als Praxis der Lebensklugheit

Der Rohstoff meines neuen Buches ist 360 Jahre alt. Sein Schöpfer, Baltasar Gracián, war Jesuit und Professor für Theologie in Zaragoza. Bei der Veröffentlichung seines geheimnisvollen Werkes "Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ wählte er 1653 ein Pseudonym, um die Genehmigungspflicht durch seinen Orden zu umgehen.

Die Jesuiten fanden jedoch bald die Wahrheit heraus und belegten ihn mit einem Schreibverbot. Als er wiederholt dagegen verstieß, verurteilte man ihn zu Festungshaft bei Wasser und Brot. Was machte diesen Mann so gefährlich?

Machiavelli kennt fast jeder. Graciàn fast niemand. Warum?

Erstens wendet sich Machiavelli an jene, die schon Macht haben und diese nutzen und verteidigen wollen. Sein "Fürst“ bietet operative Vorschläge dafür, wie man seine Position erhält und befestigt, um sich gegen äußere und innere Feinde zu verteidigen. Er scheut sich auch nicht, den Tyrannenmord zu empfehlen, so dieser notwendig ist. Gracián fühlt sich eher den Schwachen und Unterdrückten verbunden, die sich ständig behaupten müssen. Haben diese sich mühsam eine Position erobert, kann sie schnell wieder verloren gehen, daher ist ständige Wachsamkeit gefordert. Doch auch der Mächtige darf sich bei Gracián nie ganz sicher sein. Ein Fehltritt, ein falsches Wort, ein falscher Freund, und schon können sich die Verhältnisse ändern.

Zweitens: Das Original des "Handorakels“ mit seinen 300 Weisheiten ist schwer lesbar. Gracián ist ein Philosoph und kein Verfasser von leicht konsumierbaren Merksprüchen. Auch die kunstvolle deutsche Übersetzung von Arthur Schopenhauer ist alles andere als leicht verdauliche Bettlektüre. Manche Sätze muss man dreimal lesen, um hoffen zu dürfen, sie einigermaßen verstanden zu haben, andere erfreuen einen dagegen mit ihrem klugen Sprachwitz. Wer sich einmal darüber wagt, die ersten Hürden überwindet, wird mit klugen Wahrheiten über seine Freunde, seine Feinde, seine Vorhaben und sein Glück belohnt.

Drittens, das "Handorakel“ verleiht Herrschaftswissen. Dieses alte Wissen ist heute längst nicht mehr geheim, aber ohne umfassende Kenntnisse nur schwer zugänglich. Daher haben sich immer nur einige ganz wenige die Mühe gemacht, sich durchzukämpfen und ihren Nutzen daraus zu ziehen. Der Gewinn war aber so groß, dass die 0,00001 Prozent, die das "Handorakel“ kannten, überhaupt kein Interesse daran hatten, dessen Weisheiten zu teilen. Das Buch gilt bis heute als Geheimtipp. Die gewonnenen Erkenntnisse dienten vielen Mächtigen als geistige Vorlage für ihre Strategien. Wer diese Tricks und Taktiken nicht durchschaut, ist ihnen meist ahnungslos ausgeliefert.

Eine kleine Minderheit beherrscht seit Jahrhunderten die Regeln der Macht

Mit guten Manieren, manipulativer Freundlichkeit, Kenntnis der Verwundbarkeit der anderen und Tarnung der wahren Absichten verschafft sich ein ganz bestimmter Typus von Menschen Zugang zu den Schaltzentralen. Scheinbar zufällig haben sie bei Beförderungen die Nase vorne und steigen immer weiter in Hierarchien auf. Heute haben die smarten Karrieristen die brutalen Machtverwalter vergangener Jahrhunderte abgelöst. Ihr Ziel hat sich nicht verändert. Aber ihre Methode. Die erfolgreichen Aufsteiger haben erkannt, dass offensive Brutalität nicht mehr ausreicht, um zu Macht und zu Prestige zu kommen. Man muss vor allem völlig frei von emotionalen Bindungen gegenüber anderen Menschen sein, um diese, wenn es die Situation erfordert, ohne große Gewissensbisse opfern zu können. Wer sich heute unklug gegenüber seinem Vorgesetzten verhält, verliert nicht mehr seinen Kopf, aber seinen Job. "Umstrukturierung. Es hat nichts mit Ihnen zu tun“, heißt es dann mit ausdrucksloser Miene. Wenn aber die Anständigen immer den Kürzeren ziehen, setzen sich auf Dauer die Unanständigen durch. Wohin das führt, erleben wir gerade alle. Die Ehrlichen sollen nicht immer die Dummen sein. Der Zweck darf die Mittel nicht heiligen. Die Anständigen dürfen keine Scheu im Umgang mit der Macht haben.

Manche werden die Nase rümpfen und sagen, wer nicht bereit ist, das Original zu lesen, sollte es lieber gleich lassen. Die Wahrheit ist, je mehr Menschen die Spielregeln kennen, desto durchschaubarer und damit wirkungsloser werden diese. Unsere Zeit ist mehr als reif dafür, dass nicht mehr einer viele anführt, sondern viele die Verantwortung für ihr eigenes Leben und das von anderen übernehmen. Nicht die Raffiniertesten, sondern die Geeignetsten sollen zum Zug kommen. Das "Handorakel“ ist dafür ein mehr als taugliches Werkzeug. Wie bei einem Messer hängt es nur davon ab, an welcher Seite man es anfasst, ob es Schaden oder Nutzen verursacht.

Die 300 Lebensweisheiten des "Handorakels“ sind frei zugänglich - für die ganz wenigen, die davon Gebrauch zu machen wissen. Das einzige Geheimnis, das man ihm entlocken kann, liegt in der Wiederentdeckung der Fähigkeit des eigenen Denkens und der Urteilsfähigkeit. Lernen, Reflektieren und Verändern, was möglich ist, nicht das sklavische Befolgen von Regeln, das ist die Botschaft Graciáns. Nur so kann jeder von uns das Beste für sich in einer bestimmten Situation finden.

Überleben in unsicheren Zeiten

Die Herausforderung, sich in einer politisch und wirtschaftlich, aber auch im Alltag komplizierter gewordenen Welt zu behaupten, stellt Gracián an die erste Stelle seiner 300 Regeln:

"Alles hat heut zu Tage seinen Gipfel erreicht, aber die Kunst sich geltend zu machen, den höchsten. Mehr gehört jetzt zu einem Weisen, als in alten Zeiten zu sieben: und mehr ist erfordert, um in diesen Zeiten mit einem einzigen Menschen fertig zu werden, als in vorigen mit einem ganzen Volke.“

Die Ängste haben sich dabei seit den Zeiten Graciáns erstaunlich wenig geändert, wenngleich auch die Ursachen dafür andere sind. Bei vielen Menschen herrscht die vorauseilende Furcht vor dem Verlust des Erreichten. Die schleichende Inflation frisst die Ersparnisse und die explodierenden Staatshaushalte lassen an einer gesicherten Altersversorgung zweifeln. Auch für die Jungen wird alles härter, der Konkurrenzkampf um die attraktivsten Studienplätze immer schärfer. Hat man es geschafft, seinen Kopf ein bisschen aus der Menge zu heben, eine Stufe auf der Leiter nach oben zu erklimmen, wächst die Zahl der Neider und Feinde. Je höher man steigt, desto gefährlicher wird es. Ein Gegner, oft nicht einmal ein Konkurrent, sondern nur jemand, der uns selbst den kleinsten Erfolg nicht gönnt, investiert seine gesamte Energie, um andere gegen uns aufzubringen. Die Lehre Graciáns passt gut in unser Zeitalter der Unsicherheit.

Die Praxis der Lebensklugheit

In meinem neuen Buch "Erkenne Dich selbst und erschrick nicht“ verknüpfe ich das bisher nur einer Minderheit zugängliche Wissen des "Handorakels“ mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Das beginnt mit der Frage, was wir überhaupt an unserer Persönlichkeit verändern können und womit wir uns abfinden müssen. Das Leben ist weder ein Unterhaltungsprogramm noch ein Zufallsgenerator, dem wir willkürlich ausgeliefert sind, sondern eine Kunst. Wie in jeder Kunst kann man darin Meisterschaft erlangen.

- Der Bildungsexperte Andreas Salcher ist Mitbegründer der Sir-Karl-Popper-Schule und Initiator des Waldzell-Meetings. Mit seinem neuesten Werk möchte der Bestseller-Autor (fünf Nummer-eins-Bestseller, 150.000 verkaufte Bücher) die Weisheiten des "Handorakels“ von Baltasar Gracián möglichst vielen Menschen zugänglich machen.

Geheimnis der Macht – Die sieben Prinzipien für Aufstieg, Einfluss und dauerhafte Karriere.

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