Die afrikanische Perspektive

Die afrikanische Perspektive

Lampedusa und wir: Solange das Wohlstandsniveau zwischen vielen afrikanischen und europäischen Ländern so groß ist, kann es keine Lösung geben.

Jedes Mal, wenn ich aus den südafrikanischen Townships, wo wir zwei Schulen entwickeln, wieder nach Österreich komme, stellt sich das gleiche Gefühl ein: Unglaublich, wie gut es mir geht. Unglaublich, wie gut es der überwiegenden Mehrheit der Menschen in unserem Land geht.

Die Selbstverständlichkeiten, die wir kaum wahrnehmen, springen mir dann ins Auge. Es sind so viele. Wir drehen den Wasserhahn auf, es kommt Trinkwasser heraus. Müll wird abgeholt. Werden wir krank, garantiert eine e-card ärztliche Hilfe, auch wenn wir über ein geringes Einkommen verfügen.

Wollen wir unsere Kinder zur Schule schicken, gibt es die weitgehend kostenfrei, ebenso ein Transportmittel dahin. Ein Sozialstaat sorgt für den Ausgleich zwischen reich und arm, nicht zuletzt deswegen ist die Kriminalitätsrate gering. Wer sich politisch engagieren will, die Regierung kritisiert, kann es tun, ohne im Gefängnis zu landen oder gar ermordet zu werden. Diese Liste österreichischer Selbstverständlichkeiten ist noch viel länger.

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Nahezu alles, was oben beschrieben ist, gibt es für die Mehrheit in den meisten afrikanischen Ländern nicht. Was ich angesichts der so schlechten Stimmung in Österreich gegenüber Staat, Verwaltung und Politik nicht laut genug sagen kann, obwohl ich weiß, daß es hier wenig nützt: In den Augen der überwiegenden Mehrheit der Menschen in Afrika leben wir in wahrhaft paradiesischen Zuständen.

Seit Anbeginn der Menschheit haben sich, Menschen auf den Weg gemacht, um aus Armut und Knechtschaft unter vielen Mühen das zu suchen, was oft als das „gelobte Land“ beschrieben wird. Es waren nie die Ärmsten, sondern die Willensstarken, die sich aufgemacht haben. Wenn sie stark und organisiert waren, haben sie mit jenen, die bereits im „gelobten Land“ waren kurzen Prozess gemacht, sie unterworfen oder ausgerottet.

Die Besiedelung dessen, was heute „Vereinigte Staaten von Amerika“ heißt, ist die tragische, blutige Geschichte der Indianer. Das ist nur ein Beispiel.

Womit wir bei jener Tragödie sind, die uns mit dem so schön klingenden Inselnamen „Lampedusa“ unruhig schlafen lässt. Darf man als Politiker folgenden Satz schreiben? „Solange das Wohlstands- und Sicherheitsniveau zwischen vielen afrikanischen Ländern und Europa so groß ist, kann es keine ‚Lösung‘ dieser Frage geben.“

Denn weder können aus politischen aber auch ökonomische Gründen all jene bei uns „Heimat“ finden, die das wollen, noch werden sich diese Menschen abhalten lassen, irgendwie in ein Land zu gelangen, das ihnen ein besseres Leben verheißt.

Ja, es lohnt sich unbedingt für ein europäischen Asylrecht zu kämpfen.

Ja, es wäre viel klüger und humaner Menschen bereits in den Botschaften ihrer Heimatländer um Asyl ansuchen zu lassen.

Ja, Europa wäre mehr als gut beraten eine bestimmte Zahl ausgesuchter Einwanderer zu uns zu lassen, etwa durch eine europäische Green Card.

Aber lügen wir uns nicht in den Sack. Dies verbessert die Situation ein wenig, ist unbedingt notwendig, löst das grundlegende Problem aber in keinster Weise. Dieses lautet: Entweder der Reichtum kommt zu den Armen oder die Armen kommen zum Reichtum.

Dafür bedarf es zweier leicht hingeschriebener, aber unendlich schwer realisierbarer Änderungen: des Weltwirtschaftsystems und des Freihandels. Der Landkauf und die Subventionen für die Landwirtschaft begünstigen unsere reichen Länder und schaden den armen Ländern. Die Beispiele dafür sind Legion.

Zweitens: Ohne annähernd funktionierende staatliche Instanzen, ein Mindestmaß an Rechtssicherheit, ist in keinem Land eine prosperierende Wirtschaft möglich, deren Erträge auch der Mehrheit der Bevölkerung zugute kommt.

Und schließlich stimmen die nackten Zahlen pessimistisch. Nigeria hatte 1950 rund 37 Millionen Einwohner. Heute sind es bereits 203. Und im Jahr 2100 sollen es nach UN-Prognose beängstigende 913 Millionen sein. Oder das bitterarme Niger im Sahelbereich: Dort soll die Bevölkerung von heute 17 Millionen auf 203 Millionen wachsen. Die Folgen des Klimawandels werden die Situation noch verschärfen.

Wie soll das ohne funktionierende Staatlichkeit und ohne Migration gehen? Es gibt keine einfache Lösung.

Nur dies: All das ist auch unsere Welt, unsere Verantwortung. Die Entwicklung in Afrika wird uns jedenfalls massiv betreffen.

- Christoph Chorherr ist grüner Politiker, Ex-Parteichef, Unternehmer. Er betreibt in Südafrika zwei Schulen ( www.ithuba.org )

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