Die einstürzenden Neubauten einer
unsoliden Finanzmarkt-Architektur

Es war ein schwerer Fehler, Investmentbank Lehman fallen zu lassen: „Am Beginn einer Generalsanierung des Finanzsystems muss eine grundlegende systemische Korrektur der Spielregeln stehen.“

Auch wenn manche Marktpuristen das anders sehen: Es war ein schwerer Fehler, die bis kurz davor von den Rating-Agenturen mit hohen Bonitätsnoten ausgezeichnete Investmentbank Lehman fallen zu lassen. Wer bei Ausleihungen an einen so großen Namen den Totalverlust riskiert, verlässt sich auf niemanden mehr und hält sein Geld zurück. Deshalb brach der Anleihenmarkt zwischen Banken am „Schwarzen Montag“ binnen weniger Stunden zusammen.
Notenbanken erfüllten ihre wichtigste Aufgabe als Kreditgeber in der Not („lender of last resort“) und sorgten für jenes Mindestmaß an Liquidität, ohne das die Märkte zusammengebrochen wären. Kurz vor der „Kernschmelze“ setzte USFinanzminister Paulson seine spektakuläre Finanzmarktrettungsaktion, um in die festgefahrenen Kapitalmärkte wieder Bewegung zu bekommen.

Kein Betriebsunfall, sondern eine Systemkrise
Professionelles Krisenmanagement allein wird jedenfalls nicht genügen, um die Kaskaden schlechter Finanznachrichten zu stoppen. Am Beginn einer Generalsanierung des Finanzsystems muss vielmehr eine grundlegende systemische Korrektur der bisherigen Spielregeln und Anreizsysteme stehen. Denn in der massivsten Finanzmarktkrise seit den Dreißigerjahren entladen sich die lange verdrängten tektonischen Spannungen zwischen den bankorientierten Finanzierungskulturen Kontinentaleuropas und dem kapitalmarktorientierten angloamerikanischen Raum.
Europas Finanzsystem beruht traditionellerweise auf einer engen Verflechtung von Realwirtschaft und Banken. Die Bilanzen der Banken spiegeln die gesamtwirtschaftliche Dynamik wider, sie erfüllen als Dienstleister von Anlegern/Sparern und Kreditnehmern/Unternehmen ihre Kernaufgabe der Transformation von Risiken und Fristen.
Im Gegensatz dazu ist im angloamerikanischen Bankensystem die Funktion der Kapitalmärkte für Aktien und Anleihen als Medium der Anlage und Aufbringung langfristiger Mittel wesentlich ausgeprägter. Investmentbanken sehen sich daher weniger als Partner der Realwirtschaft denn als Spieler auf den Kapitalmärkten mit strikt finanzwirtschaftlich orientierten Unternehmenszielen.
Die weltweite Liberalisierung der Finanzmärkte hat in den letzten eineinhalb Jahrzehnten das angloamerikanische Modell begünstigt. Die mit ihm untrennbar verbundenen Spielregeln wurden weitgehend kritiklos übernommen, ohne auf die systemischen Folgen der planlosen Vermischung der kontrastierenden Finanzierungskulturen zu achten.
Das im unternehmerischen Mittelstand noch gebräuchliche, dem Gläubigerschutz verpflichtete traditionelle Bilanzierungssystem wurde zunächst bei börsennotierten, dann bei den meisten großen Unternehmen durch internationale Bilanzierungsregeln (IFRS) ersetzt, in denen die Marktbewertung aller Vermögenspositionen gefordert ist. Damit sollte die Transparenz von Unternehmenswerten für Anleger gestärkt werden.

Die unheilvolle Diktatur des Börsenkurses
Manager solcher Unternehmen werden am Börsenkurs gemessen – so als würde sich dieser jederzeit mit den realen Unternehmenswerten decken. Daher dehnten sie die Möglichkeiten der Bilanzgestaltung bis zum Exzess – zum scheinbaren Wohl der Aktionäre, Anleger und der eigenen Stock-Option-Prämien. Die neue Bilanzierungsform begünstigt in guten Zeiten Wertübertreibungen und verstärkt in Zeiten der Abwärtsbewegung negative Trends massiv.
Ebenso prozyklisch wirkt das mit dem Ziel einer Stabilisierung des Weltfinanzsystems geschaffene Regelwerk der Bankaufsicht (Basel II). Es hat nicht nur sein Hauptziel sichtbar verfehlt, sondern trägt zur aktuellen Situation sogar verschärfend bei. Die Wertminderung in den Bilanzpositionen der Banken erfordert mitten in der Krise neue Eigenmittel und wird so zum Verstärker einer gerade auf uns zukommenden Kreditkrise.

Mangelnde Kontrolle
Während das traditionelle Bankgeschäft penibel durchleuchtet wurde, tolerierte man jahrelang umfangreiche Investitionen in sogenannte „synthetische“ Wertpapiere außerhalb der Bankenbilanzen, ohne sie irgendeiner Kontrolle zu unterwerfen. Offensichtlich unbegrenzt war das Vertrauen in die von den Rating-Agenturen an diese Wertpapierkonstruktionen vergebenen Bonitätsnoten. Und niemand stellte die Refinanzierung dieser auf kurzfristige Kapitalmarktmittel angewiesenen Sondermärkte infrage.
Fassungslos beobachten wir nun die einstürzenden Neubauten einer unsoliden, an der Scheinobjektivität der Marktwerte orientierten Finanzmarktarchitektur. Nach den Aufräumungsarbeiten braucht es für den Wiederaufbau eine neue Finanzmarktstatik: von einem modifizierten Bilanzierungssystem über eine Supervision der eigenmächtigen Rating-Agenturen bis zur grundlegenden Überarbeitung von Basel II und einer supranationalen Abstimmung der Bankenaufsicht.

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten