Die Mutigen und die Missmutigen

Die Mutigen und die Missmutigen

Österreich gibt es in Wahrheit zweimal: als bewundertes Erfolgsmodell im Ausland und als unentwegte Katastrophenleier im Inland.

"Die Zeitbombe im Herzen Europas" nannte der britische „Economist“ seine vorwöchige Coverstory. Das Titelbild zeigte ein Bündel Baguettes, eingewickelt in die Trikolore, mit einer glimmenden Zündschnur. Der Artikel war ein Abgesang auf Frankreich, die notleidende Nation, und sorgte dort für empörte Reaktionen.

Montag dieser Woche, Auftritt von Kammerpräsident Christoph Leitl und ÖGB-Chef Erich Foglar in Paris. Die Sozialpartner erklären bei einem von Botschafterin Ursula Plassnik eingefädelten Kolloquium dem staunenden Publikum, warum Österreich bei der Jugendarbeitslosigkeit zu Europas Musterschülern gehört: klare Vorgaben der Politik, die bewährte duale Ausbildung (Lehre & Berufsschule), rührige Regionalpolitiker, ein fleißiges Arbeitsmarktservice.

In Frankreich ist ein enges Einverständnis der Sozialpartner unvorstellbar. Dort bekämpfen einander Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände. Der Frontverlauf ist unübersichtlich. Es gibt keine Dachorganisation der Beschäftigten, sondern ideologisch betonierte Einzelgewerkschaften, die sich auch untereinander befetzen. Von Österreich könne man sich einiges abschauen, gab der französische Ausbildungsminister Thierry Repentin zu. Eine Delegation studiert demnächst in Wien „best practice“-Beispiele.

Im Inland werden solche Vorgänge nicht oder nur nebenbei registriert. Hier konzentriert sich die öffentliche, jedenfalls die veröffentlichte Meinung zumeist auf Affären, Skandale, Parteiengezänk, Personalspekulationen. Diese unentwegte Katastrophenleier pusht die Politikverdrossenheit auf Rekordwerte. Unter der Oberfläche brodelt es gewaltig. Die Staatsparteien schrumpfen, der Anfängerverein „Team Stronach“ kommt gleich auf zehn Prozent.

Nun gibt es in der Republik reichlich zu kritisieren. Die einstigen Großparteien stagnieren inhaltlich wie personell, die Opposition formuliert kaum neue Ansprüche, Perspektiven sind rar. Das macht den Frust verständlich.

Aber dieses Österreich gibt’s in Wahrheit zweimal: als Land der Missmutigen – und der Mutigen. „Das österreichische Wunder“ betitelte das US-Magazin „Foreign Policy“ unlängst eine Story. Das klingt für Eingeborene nach einem künstlichen Paradies – doch im internationalen Vergleich ist die Wertung nicht übertrieben.

Den meisten Österreichern ist nicht bewusst, dass sie auf hohem Niveau raunzen. Ihr Blick geht selten über den Tellerrand hinaus, aber: Von hiesigen Beschäftigungszahlen können die meisten anderen Staaten nur träumen. Das Gesundheitssystem weiß jeder zu schätzen, der einmal ein südeuropäisches oder englisches Spital von innen gesehen hat. Die Schulen könnten besser sein, aber bei internationalen Lehrlingswettbewerben werden Österreicher regelmäßig Meister. Die veröffentlichte Bildungsdiskussion beschränkt sich auf AHS/Uni, weil die meisten Journalisten dort waren. Die öffentliche Infrastruktur ist teuer, aber sie funktioniert, im E-Government ist Österreich Weltspitze.

Der Wohlstand hängt wesentlich vom Export ab. Dort findet die meiste Wertschöpfung statt, denn da werken die Mutigen, die Ideenreichen. Viele heimische Betriebe sind „Meister der Nische“, wie die „Neue Zürcher Zeitung“ kürzlich neidvoll feststellte. An einem vergleichsweise teuren Standort werden von wenig bekannten Betrieben Produkte hergestellt, die global konkurrenzfähig sind. Der Maschinenbauer Starlinger (Weissenbach, NÖ) hat in seinem Fach 50 Prozent Weltmarktanteil. Und es gibt noch sehr viel mehr von diesen „hidden champions“.

„Den Kostenwettbewerb können wir nicht gewinnen, den Talentewettbewerb schon“, sagt dazu WKO-Boss Leitl, rastloser Lobbyist der Klein- und Mittelbetriebe. Wichtig ist, dass Österreich nicht einer von vielen fragilen Finanzplätzen wird, sondern der wettbewerbsfähige Werkplatz bleibt. Da ist wieder die Politik gefordert.

Reformzwang gibt es an mehreren Stellen – bei den hohen Steuern, die schon Durchschnittsverdiener treffen, im Bildungssystem, auf den vielen Verwaltungsebenen. Es scheint, als hätte die Bundesregierung jetzt diese Herausforderung angenommen. Zu lange war sie von Kopf bis Fuß auf Konsens eingestellt. Die Zeit der taktischen Finten ist vorbei.

Damit das „österreichische Wunder“ bleibt, muss sich vieles ändern.

- Christoph Kotanko
Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten in Wien

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