Die Meinungsdiktatur der gemäßigten Wirrköpfe

Eigentlich ist es unfair: Weshalb sollte ein Extremsportler etwas Vernünftiges zu Demokratie und Diktatur zu sagen haben? Nur weil er aus 36.000 Metern einen besseren Überblick hat?

Die Meinungsdiktatur der gemäßigten Wirrköpfe

Wenn Medien den so genannten „kleinen Mann“ oder die „kleine Frau“ zu schwierigen Themen befragen, ergibt das sehr oft lustige Sendungen. Es stellt sich nämlich heraus, dass die Antworten auf Fragen nach mathematischen Gleichungen, Definition von Haupt- und Landesstädten, Namen von Politikern oder überhaupt zu Allgemeinwissen auf Vorschul-Niveau oft nicht ganz stimmen.

Die konträre Kategorie aus der Rubrik „Meinungsmache“ ist es indes, den so genannten „wichtigen Mann“ oder die „wichtige Frau“ zu schwierigen Themen zu befragen. Das jüngste Beispiel dafür liefert der Extremsportler Felix Baumgartner: Seine Aussagen in einem Interview mit der Kleinen Zeitung sorgen derzeit – nicht nur im Internet – für hämische Aussagen und Debatten. Herr Baumgartner hatte darin unter anderem gemeint: “Wir würden eine gemäßigte Diktatur brauchen, wo es ein paar Leute aus der Privatwirtschaft gibt, die sich wirklich auskennen.“ Ein – um es höflich auszudrücken – etwas skurriler Gedanke, falls man das überhaupt so nennen kann. Sollte das heißen, Mateschitz, Stronach und andere „Leute aus der Privatwirtschaft“ müssten diktatorisch tätig werden, natürlich zum Wohle Österreichs.

Eigentlich ist es unfair: Weshalb sollte ein Extremsportler etwas Vernünftiges zu Demokratie und Diktatur zu sagen haben? Nur weil er aus 36.000 Metern einen besseren Überblick hat? Weil er reinen Sauerstoff oder was auch immer eingeatmet hat? Andererseits: Weshalb auch nicht?
Es gehört jedenfalls zu den jüngeren Trends im Mediengeschäft, Jede und Jeden zu Alles und Jedem zu befragen. Ob dieser Trend aus der Seitenblicke-Berichterstattung kommt, ist nicht ganz sicher – jedenfalls gehört es dort zum guten Ton, dass belanglos Herumstehende etwas mehr oder weniger Sinnvolles absondern. Wenn es sich um den jüngsten Modetrend, die Teilnahme am Opernball oder die Haarfarbe des Nachbarn handelt, ist das noch okay. Bei heikleren Themen wird es haarig. Das hält Prominente und Semi-Prominente aber nicht davon ab, sich zu äußern.
Ein Beispiel gefällig? Niki Lauda wird ständig zu Wirtschaft, Politik und Gesellschaft befragt. Die Kommentare von ihm zur AUA füllen ganze Bände (zu seinem ersten Ausflug in die Flugbranche sagt er deutlich weniger), aber auch zu Themen wie „Männertanz“ hat Niki Aussagen parat und die Väterkarenz erschüttert den Ex-Motorsportler bis ins Mark.

Heißt das andererseits, man sollte diese Menschen gar nicht nach ihrer Meinung fragen? Das würde bedeuten, dass nur noch Berufspolitiker über Politik, Berufssportler über Sport, Unternehmer und Wirtschaftswissenschaftler über Wirtschaft reden dürften. Jedem sein Fachgebiet also (was bleibt dann noch für uns Journalisten über?). Weshalb sollten Frau Müller, Herr Maier, Herr Baumgartner oder Herr Lauda denn nicht über Themen außerhalb ihres Fachs sprechen sollen? Die Meinungsfreiheit will es so und das ist prinzipiell gut so.

Doch ihre Meinung sollte als das hingenommen werden, was sie tatsächlich ist: Eine Einzelmeinung. Würde man x-beliebige Österreicher auf der Straße fragen, würde ebenfalls einige Male eine Diktatur gefordert oder es würden ähnliche Unsinnigkeiten formuliert werden. Das ist erschütternder als die halbintelligenten Aussagen von Promis. Allerdings sollten sogar Extremsportler wissen, wo ihre Grenzen liegen. Oder wie es Felix Baumgartner selbst formuliert hat: Sometimes you have to go up really high to understand how small you are.

Robert Prazak

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