Die Lüge von der Chancengleichheit

Die Lüge von der Chancengleichheit

Es hätte keine OECD-Studie benötigt, um zu wissen, dass in Österreich die Bildung- und damit die Karrierechancen höchst ungleich verteilt sind.

Das Klischée will es, dass der Junior vom Arzt wieder Arzt wird und die Tochter der Rechtsanwältin ebenfalls eine akademische Laufbahn einschlägt. Die Kinder des Bauarbeiters, der vor 20 Jahren nach Österreich gekommen ist, werden hingegen voraussichtlich nicht über die Pflichtschule hinauskommen. Das Traurige: Das ist nicht nur Klischée, es ist die Realität. Das bestätigt nun besagte Studie.

Die Schulen sieben aus

Bildungsaufsteiger – also Menschen, die eine höhere Bildung als ihre Eltern haben – haben es hierzulande besonders schwer. Das liegt weniger an der Finanzierung, etwa an den Studiengebühren, heißt es weiter in der Studie. Es geht vielmehr um die Schulen, an denen eine strenge Vorauswahl getroffen wird: Der Bub mit türkischen Eltern, der eine Volksschulklasse in Wien besucht, in der mehr als die Hälfte der Schüler nicht Deutsch als Muttersprache haben, wird es deutlich schwerer haben ein Gymnasium zu besuchen als das Kind in einem Vorort Wiens, das von seinen Eltern förmlich an die höhere Schule getragen wird.

Österreich ist eines der reichsten Länder der Welt – und kann es sich offenbar dennoch nicht leisten, ein faires, offenes Schulsystem zu schaffen. Genauer gesagt: Will es sich nicht leisten, denn es sind überwiegend Ignoranz und politische Kurzsichtigkeit, die das verhindern. Die Gesamtschule, in Ländern wie Finnland nachweislich ein Erfolgsmodell, wird zerrieben zwischen provinziellem Standesdünkel, Lehrergewerkschaft und offenkundiger Angst bestimmter Politiker, ihre Sprösslinge dürften in naher Zukunft nicht unter ihresgleichen bleiben.

Viel Aufwand für die Bildung

Bildung ist ein hartes Brot, an dem sich Kinder wie Eltern oftmals die Zähne ausbeißen: Die Ansprüche steigen, auch jene an die vielgescholtenen Lehrer. Welche Familie kann es sich leisten, ihren Kindern gute Betreuung daheim, teures Lernmaterial, jährliche Skikurse und eventuell noch Nachhilfestunden zu bieten? Die Alleinerzieherin zum Beispiel sicher nicht. Muss deshalb ihr Kind auf bestimmte Bildungswege verzichten? Leider ja – dem angeblichen Leistungsgedanken unserer Gesellschaft zum Trotz.

Ungleiche Verteilung der (nicht unerheblichen) Mittel, kurzsichtige Lokalpolitik und fehlende Aufklärung bezüglich der Bildungsmöglichkeiten (nicht nur, aber vor allem bei Migranten) sind nur einige der Gründe. Ein erster Schritt wäre es aber schon, die Tatsachen zu erkennen statt zu leugnen.

Robert Prazak

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