Die Grillosconis und wir

Beppe Grillo und Silvio Berlusconi, Frank Stronach und Erwin Pröll: Ein ganz und gar unfairer Vergleich.

Die Italiener haben den Karren also an die Wand gefahren, politischer Totalschaden. Land unregierbar, die „Märkte“ – ja, da sind sie wieder – geschockt, europaweite Fassungslosigkeit.

Links wie rechts. „Zwei Komiker sind zur Wahl angetreten und wurden für ihr verleumderisches Geschrei auch noch belohnt: Silvio Berlusconi und Beppe Grillo. Wie konnte das geschehen?“, fragt sich die liberale „Süddeutsche Zeitung“. „Wenn die Vernunft schläft, triumphieren die Populisten“, analysiert die konservative Schwester „FAZ“.

Nichts wird es mit dem Mainstream-Kabinett unter Sozialdemokrat Pier Luigi Bersani. Die 62. (!) Regierungsbildung in Italien seit 1945 wird kompliziert wie keine zuvor, Auswirkungen auf EU und Euro nicht absehbar. Eines hilft sicher nicht: rasche Neuwahlen. Denn dann, so Italien-Experte und Politikberater Karl Krammer, „erhält Grillo 40 Prozent“.

Beppe Grillos 25 Prozent, und nicht die 30 für den rechten Altpopulisten Silvio Berlusconi, sind das eigentliche Fanal dieser Wahl. Der 64-jährige Komiker wird mit Kritik an Parteien reich und berühmt, quasi die rappelköpfige Italo-Version von Lukas Resetarits. Ab 2007 veranstaltet er Demos gegen „das System“, die „Vaffanculo-Days“. Diese „Leck-micham-Arsch-Tage“ sind ein voller Erfolg. Durchbruch seiner „Fünf Sterne“-Bewegung bei Regionalwahlen vergangenen Herbst. In Sizilien 18 Prozent, in Parma wird sein Kandidat Bürgermeister – mit 60 Prozent der Stimmen. Bei unter 23-Jährigen erzielt Grillo vergangenes Wochenende 35 Prozent. Die sind auch die größten Verlierer der Krise. Keine Jobs, und wenn doch, niedrige Gehälter. „Hotel Mama“ auf ewig.

Grillos Bewegung ist ein einmaliges Phänomen. Der unglaubliche Frust der Italiener und Verzweiflung über die ökonomische Lage ist die eine Seite, die gebräuchliche Definition „Protestpartei“ greift jedoch zu kurz. Nicht links, nicht rechts, lehnt Grillo radikal alles ab, was mit Politestablishment zu tun hat. Er will gleich die „Politik abschaffen“ und die „Politiker an der Hand nachhause führen“.

Der Rebell wird zum Sammelbecken jener, die von den Etablierten gar keine Lösungen mehr erwarten: Junge, Alte, Linke, Rechte laufen ihm zu. Anders als etwa ein H.-C. Strache punktet er in allen Lagern.

Obwohl ihn seine „Tsunami-Tour“ im Wohnmobil durch Italien ins Parlament gespült hat, will er dort nicht hinein. Wie Frank Stronach weigert er sich, eingeführte demokratische Spielregeln einzuhalten. Eine Beteiligung an der Regierung lehnt er kategorisch ab. Einfach die Parolen: 20-Stunden-Arbeitswoche für alle, 1.000 Euro Mindestlohn für alle, raus aus dem Euro. Im Hintergrund haben Professoren, junge Akademiker jedoch dicke Positionspapiere zu Ökologie oder „solidarischer Ökonomie “ geschrieben. Wie so viele Altlinke verstört er mit antizionistischen Tiraden, sehr nahe am Antisemitismus, und scharfer USA-Kritik.

Etablierte Medien boykottiert Grillo. Er gibt keine TV-Interviews, schmeißt Mitstreiter hinaus, die ohne seine Erlaubnis eines geben. Dafür ist sein Online-Politblog der meistgelesene der Welt.

Die „Grillini“ als größte Wutbürgerbewegung Europas zu bezeichnen wäre einfach, stimmt aber nicht ganz. Viele seiner Kandidatinnen sind hochgebildete Frauen um die 30. Die werden Italiens Politik jetzt gründlicher verändern als die getunten Berlusconi-Gespielinnen auf den Ministerbänken.

Eines stimmt mit Sicherheit: Grillos Erfolg ist als mächtige Antwort auf die Wirtschaftskrise zu verstehen: „Volksparteien des Zornes“, die nichts mehr mit der Ideengeschichte der großen Bewegungen in Europas Nachkriegsdemokratien, der Sozialdemokratie und der Konservativen, zu tun haben, werden überall entstehen. Zuerst dort, wo es wirtschaftlich schlecht geht. Italien oder gar Europa stabil regieren kann man damit freilich nicht.

Was hat das alles mit Österreich zu tun? Mehr, als einem lieb sein kann. Ökonomisch steht das Land viel besser da, aber politisch? Zwei Drittel sind mit dem Zustand der Demokratie unzufrieden, 70 Prozent mit der Regierung. Die Großparteien sind erschöpft, rutschen sie im Herbst bei der Nationalratswahl unter 50 Prozent, herrscht auch hier Chaos.

Kommenden Sonntag gibt es den ersten großen Lackmustest im Superwahljahr: Fällt die absolute Bastion des Erwin Pröll, letzter voll im Saft stehender Vertreter der Ex-Großparteien, bester Wahlkämpfer des Landes mit der besten Parteiorganisation, kann das für den Bund schon auch bedeuten: Italia, wir kommen.

Denn von einem Politlaien mit krausen Ideen wie Frank Stronach ausgehebelt zu werden, hätte mehr als nur Symbolkraft.

- Andreas Weber

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