Die Freuden des Fremden

Die Freuden des Fremden

Lust an Reisen und fremden Kulturen schenkt Lebensenergie und gewinnbringende Ideen.

"Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ Karl Valentin

Das Einstiegszitat von Karl Valentin ist mit Bedacht gewählt. Wie in vielen seiner heiteren Geistesblitze steckt auch in diesem viel Wirklichkeitssinn, das so genannte "wahre Leben“. Die Angst vor dem Fremden ist keineswegs verwerflich. Sie wird erst dort primitiv, wo sie zur Fremdenfeindlichkeit oder gar zum Ausländerhass wird.

Die Vorzeit des Menschen war generell von "Angst vor dem Unbekannten“ geprägt, vor Säbelzahntigern und marodierenden Nomaden der Völkerwanderung. Noch im Mittelalter war das Leben rund um Schutzburgen organisiert. Diese Instinkte schlummern bis heute im Denkprogramm. Doch ab dem 19. Jahrhundert wandelte sich manche Angst vor dem Fremden in eine Freude am Fremden.

Wenn auch zunächst nur für wohlhabende Geistesmenschen, die sich die damals teuren Reisen leisten konnten. Dazu gehörten Wissenschafter wie Alexander von Humboldt und Künstler wie William Turner. Sie entdeckten, dass man lange Aufenthalte in fremden Kulturen nicht nur überleben konnte, sondern klüger zurückkehrte. Man verzeichnete neben dem Wissenszuwachs eine Auffrischung des Geistes. Das unbekannte Neue erwies sich als anregender als das bekannte Alte, in das man heimatlich eingewohnt war.

Die Entdeckung des Auslands als Kraftquelle verlängerte anfangs die Herrschaft von Kirche und Aristokratie. Man schickte junge Priester rund um die Welt, und Adelssprösslinge gingen, ausgestattet mit Traveller’s Checks und Kreditbriefen ihrer Eltern, für drei Jahre auf die "Grande Tour“. Sie waren nach der Rückkehr ihren Altersgenossen weit überlegen: in Sprachkenntnis, Weltläufigkeit und Ausweitung der Interessen.

Die Aufklärung, also der Weg in die Demokratie, wurde erst möglich, als das Bürgertum nachzog, dessen erste Domäne und Geldquelle die Industrie war. Exportierende Unternehmer und deren Manager wurden die ersten Weltbürger. Im Prinzip blieben sie darin auch führend. Es ist meist eine Freude, ihnen zuzuhören, wenn sie von Erfahrungen, Siegen und Hoppalas im Ausland erzählen. Freilich kennt man auch Enttäuschungen mit Führungskräften, die nur in Flugzeugen sitzen, in Airport-Hotels ihre Verhandlungen führen und vom fremden Markt weniger wissen als ferialpraktizierende Gymnasiasten.

Manche Unternehmer verlassen sich in beschämender Weise auf das Know-how der überragenden Außenhandelsdelegierten der Wirtschaftskammer, die in der Ferne der größte Vorteil der Österreicher sind, so wie zu Hause die immer noch relativ versöhnlichen Beziehungen der Sozialpartner.

Mit der ab 1970 anschwellenden Lawine erfolgreicher Ösi-Exporteure wurde das Ausland auch für Wirtschaftsjournalisten interessanter. Allerdings gab es auch andere Gründe, über die Grenzen zu blicken. Nach den Erdölpreiskrisen 1974 und 1979 begriff man, dass selbst Österreich keine isolierte "Insel der Seligen“ mehr war. Auch entwickelten sich überall moderne Managementlehren, die man sammeln wollte. Und die markante Wende "Analog-Digital“ verlangte ab den achtziger Jahren, in Fernost die Unterhaltungselektronik und in den USA die Computerindustrie vor Ort zu studieren.

Ich durfte darin Pionier sein, bin ja seit 40 Jahren ein schnurrender, privilegierter trend-Mitarbeiter. Die Erfahrungen aus zwölf Weltreisen mündeten in meine zirka 1000 trend-Storys. Die treuen Langzeit-LeserInnen wissen, dass mein Ehrgeiz darin lag, den berühmtesten Konzernherren ihre Erfolgstipps zu entreißen. Sie gaben diese gern. Als Angekommene waren sie lässig, freimütig und großzügig. Zumal sie Österreich als Mainland der klassischen Musik verehrten, verbunden mit größtem Sympathie-Bonus. Die so erschlichenen Tipps von Giganten wie Ryuzaburo Kaku (Canon), Carlo De Benedetti (Olivetti) und Bill Gates (Microsoft) sind, wie ich in aparter Eigenwerbung empfehle, als Konzentrat in meinen Büchern "Der neue Mann von Welt“ (Hardcover bei Molden, Taschenbuch bei Piper) und "Endlich alle Erfolgsgeheimnisse“ (Ecowin) zu finden.

Die ÖsterreicherInnen sind auffällig kreativ. Das zeigen nicht nur die KMUs, die in ihren Nischen oft Weltmarktführer sind. Auf einen unpeinlichen deutschen Kabarettisten kommen fünf erstklassige österreichische. Auch unsere Filmer, Schauspieler und Romanciers (u. a. Handke, Roth, Kehlmann, Köhlmeier, Menasse, Glattauer, Glavinic) sind weit über die Kleinheit Österreichs erfolgreich. Unter den Reisenden gelten die Österreicher als neugierig, gut informiert, aufgeschlossen.

Und doch macht selbst mir als Sanguiniker und "berüchtigtem Optimisten“ (Kabarettist Bernhard Ludwig) zweierlei Sorge. Erstens: Die unterschichtigen Fremdenfeindlichen, die Primitivparteien wie den Blauen und Orangen zulaufen, sind nicht weniger geworden. Und einst kulturbeflissene Reisende wurden durch eine Inflation weltweiter Unruhe-News ängstlich. Sie verharren jetzt in ihren monokulturellen Urlaubsresorts. Sie erkunden nicht mehr die kleinen Dörfer ringsum. Sie verlieren damit viel von der Zaubertrankkraft des Andersartigen.

Ich will aber niemanden ins Unglück überreden. Vielleicht bin ich zu leichtfertig. Ich habe vielleicht nur mit Glück unverletzte Spaziergänge selbst durch Harlem, Bronx, Soweto, Bogotá, Salvador, Managua, Rio, Hongkong-Hafen, Djakarta, Kairo, Jaffa und alle Teile Jerusalems gemacht. So viel vermeintliches Glück kann doch kein Zufall sein. Jedenfalls glaube ich in dankbarer Erinnerung an einen Spruch meiner Oma väterlicherseits, gebürtig aus Steinberg bei Oberpullendorf: "Vor Angst gestorben ist auch tot.“

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