Die schöne alte Finanzwelt war gar nicht so puristisch „neoliberal“

„Eine Welt der Beziehungsnetze, des ­Gebens und Nehmens. Ganz nach dem Geschmack von Bush.“

Finanzminister Josef Pröll ruft zur allgemeinen Anstrengung auf. Das heißt natürlich nichts anderes, als dass sich die Leute darauf einstellen sollen, demnächst für das wachsende Staatsdefizit zur Kasse gebeten zu werden. Angesichts all dessen steigt der Zorn auf die Finanzmanager, die „uns die Misere ursprünglich eingebrockt haben“, wie es heißt. Wenn sich jetzt Banken um Staatsgeld anstellen (wie es die österreichisch-amerikanische Bawag dieser Tage öffentlich tat), dann schwappt mühsam unterdrückter Volkszorn über die Bankeigentümer. Im Fall der Bawag heißt dieser Eigentümer bekanntlich Cerberus Capital Management und ist ein US-amerikanischer Equity-Fonds. Einer, der mit einem besonders coolen, um nicht zu sagen kaltschnäuzigen Management gesegnet ist. Die „New York Times“ hat Ende Februar einen Leitartikel gebracht, der den Titel trug: „Why Can’t Cerberus Foot the Bill?“ – also ungefähr: „Warum kann Cerberus nicht in die (noch immer gut gefüllte) eigene Tasche greifen und schnorrt stattdessen die kleinen Steuerzahler an?“

Natürlich bezog sich das Blatt damit nicht auf die Bawag, sondern auf eine andere, größere Cerberus-Beteiligung – den Autokonzern Chrylser. Dort verfügt der Fonds über 80 Prozent des Aktienkapitals. Washington will bis Ende April entscheiden, ob es die von Chrysler verlangten weiteren fünf Milliarden Dollar auszahlt oder nicht (vier Milliarden sind darüber hinaus bereits geflossen). Im Gegenzug zu diesem Hilfsansuchen hat ­Cerberus zwar ein paar Zugeständnisse gemacht, frisches Geld will man aber keinesfalls in die Hand nehmen. Begründet wird das damit, dass sonst „die Verpflichtungen gegenüber den eigenen Anlegern verletzt“ würden: Denen sei „zugesichert“ worden, dass Cerberus „nicht mehr als soundso viel in ein einzelnes Investment steckt“. „Es steht zu vermuten“, höhnt da die „New York Times“, „dass der Fonds dieses Versprechen anders auslegen würde, wenn es sich bei Chrysler um ein gutes Geschäft handelte.“ Fazit des Blattes: „In Wirklichkeit ist es wohl so, dass man zwar ganz gern mit dem Geld der Steuerzahler aufs Überleben des Autobauers wettet, aber nicht mit eigenem.“

Diese Haltung kommt nicht wirklich überraschend. Cerberus ist damit auch alles andere als eine Ausnahme. Und die Tat­sache, dass die „New York Times“ Cerberus (nicht alle einschlägigen Anleger!) deshalb an den Pranger stellt, wird schon ihre Gründe haben. Trotzdem: Es wäre ziemlich unsinnig, finanziell jetzt die immer noch reichen, aber zahlungsunwilligen Altinvestoren zu schröpfen zu versuchen – solange sie sich keiner Gesetzesverletzung schuldig gemacht haben. Solche Schuldfragen lassen sich moralisch bekanntlich selten eindeutig beantworten, und in der Praxis würden entsprechende Schritte bloß zu endlosen Gerichtsprozessen führen.

Sehr wohl sollte der beschriebene Fall aber den Blick auf folgende Zusammenhänge schärfen: Laut „New York Times“ zählt Cerberus zu den politisch wie ökonomisch bestvernetzten Gesellschaften überhaupt. Unter dem Titel „Cerberus’ Friends in High Places“ benennt das Blatt Fondspartner oder -manager mit klingendem Namen: Aufsichtsratspräsident des Fonds ist John W. Snow, seines Zeichens Exfinanzminister aus der Ära George W. Bush. Snow habe, liest man, „seinen Reichtum und seine Beziehungen dazu genutzt, die Debatte über die US-Autoindustrie zugunsten von Cerberus zu gestalten“. Klar – dafür werden hochrangige Lobbyisten dieser Art ja auch (gut) bezahlt. Neben Snow stehen auch Ex-US-Vizepräsident Dan Quayle sowie ein US-weit bekannter Großlobbyist auf Cerberus’ Payroll, des Weiteren mehrere ehemalige Spitzenbeamte des US-Finanzministeriums, ein Exsenator aus Louisiana, ein ehemaliger Assistent von George W. Bush – und so weiter. Und über diese Personalien hinaus haben Cerberus und Chrysler im Vorjahr deklarierte sieben Millionen Dollar für „Lobbying“ ausgegeben.

Wenn es jetzt darum geht, dass Cerberus auch für die Bawag Staatsgeld einstreifen möchte, so wird dem Fonds freilich auch das beste US-Beziehungsnetz wenig nützen. Hierzulande, wo die Bank Austria dem politischen Herzen des Kanzlers nähersteht als andere Banken und wo ÖVP-Chef Josef Pröll beinah Raiff-eisen-Chef geworden wäre, hierzulande also versuchte sich Cerberus unter anderem dadurch ins landesspezifische Beziehungsnetz einzuklinken, dass man Hannes Androsch, den roten Industriegranden, ins Boot geholt hat. Als Cerberus-Partner und Bawag-Aktionär. An diesem Punkt sollten allerdings die Neoliberalen, die, schön puristisch, Staatsabstinenz und Vertragsfreiheit für ­Private predigen und die jede moralische Krisenverantwortung seitens der Finanzakteure ablehnen, hellhörig werden: Im Gegensatz zu den Bildern, die sie zeichnen, war die schöne alte Finanzwelt eben keine puristische. Es war eine Welt der Beziehungsnetze, des Gebens und Nehmens. Eine nach dem Geschmack von George W. Bush. Und so wie es aussieht, wird sich die Welt auch in Zukunft – diesbezüglich jedenfalls – ganz sicher nicht ändern.

redaktion@format.at

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten