Die Finanzkrise in den USA:
Kann sich die Wall Street erneuern?

„Die Zeit des Deregulierens ist vorbei. Sonst sprengt sich das ­System selbst in die Luft.“

Er war einer der größten Filmerfolge der Achtzigerjahre: Oliver Stones „Wall Street“. Hauptfigur: Michael Douglas als der Finanzhai Gordon Gekko, letztlich zur Strecke gebracht von einem jungen aufstrebenden Börsenmakler, der ihn zuerst bewundert, schließlich aber austrickst. Weil er begreift, wie skrupellos Gekko auch mit der Firma, für die sein Vater arbeitet, umgehen will: übernehmen, zerschlagen, abkassieren. Ein früher Heuschreck also, damals noch personifiziert darstellbar.

Vorbild für Gekko waren drei erfolgreiche Wall-Street-Spekulanten:
– Carl Icahn – von ihm stammt die berühmte Douglas-Sentenz „Wenn du einen Freund willst, schaff dir einen Hund an“. Er hielt sich bis heute frisch und scheiterte kürzlich beim Übernahmekampf zwischen Microsoft und Yahoo.
– Ivan Boesky – seine berüchtigte Rede „Gier ist gut“ vor ihm dabei zujubelnden Studenten der University of California wurde in den Film eingebaut. Er selbst kam später ins Trudeln und als überführter Insider-Händler für drei Jahre ins Gefängnis.
– Sowie am deutlichsten Michael Milken, „Erfinder“ der extrem riskanten Junk-Bonds. Auch er wanderte wegen Finanzbetrugs hinter Gitter, von den ursprünglich 10 Jahren Haft musste er aber nur 22 Monate absitzen; das US-Magazin „Forbes“ schätzte im Vorjahr den heutigen Investmentbanker mit einem Privatvermögen von 2,1 Milliarden Dollar als 458.-reichsten Mann der Welt ein.

Milkens Wandlung vom „normalen“ Börsenspekulanten zum Investmentbanker symbolisierte auch veränderte Prioritäten an der Wall Street: Bis vor kurzem galten Investmentbanker per se als dynamische Aufsteiger, meist jünger, smarter und reicher als „normale“ Bankvorstände, ganz moderne Gekkos. Das entsprach ihrem Job: Während Geschäftsbanken als Drehscheibe zwischen Kundeneinlagen und Kundenkrediten fungieren, spezialisieren sich Investmentbanken auf den Handel mit Wertpapieren, sie verschulden sich selbst am Kreditmarkt, sie drehen heftig an Übernahme­spiralen. Sie arbeiten wesentlich riskanter als „normale“ Banken, können in kurzer Zeit toll verdienen, in ebenso kurzer Zeit aber auch schrecklich viel verlieren.

So wie eben jetzt die führenden Investmentbanken der USA: Drei von den fünf „Großen“ sind im Gefolge des Zusammenbruchs am amerikanischen Immobilienmarkt kaputtgegangen und wurden – teilweise – von den „normalen“ Banken (auch die stehen ziemlich unter Stress, elf von ihnen sind heuer in den USA schon pleitegegangen) aufgesogen: Bear Sterns bereits im Frühjahr von JPMorgan Chase, Merrill Lynch nun von der Bank of America, und die britische Barclays Bank will wenigstens die „Juwelen“ von Lehman Brothers, die Kapitalmarktsparte, kaufen. All das ist natürlich nicht das Ende der Wall Street. Aber das vorläufige Ende der amerikanischen Bankendominanz. Und das vermutlich endgültige des Erfolgsmodells Investmentbank.

Aber ist es auch das Ende der Wall Street als Zentrale des Finanzkapitalismus? Sicher nicht. Aber sie wird anders funktionieren müssen. Für Anleger, die ihr Geld künftig wohl sicherer, konservativer, weniger riskant arbeiten lassen wollen. Und mit kontrollierbaren Regeln für den gesamten globalen Finanzmarkt, mit stärkeren Eigenkapitalvorschriften, mit einer Reglementierung von Aktien-Bonuszahlungen für Manager, mit Finanztransaktionssteuern. Auch mit „globalstaatlichen“ Ratingagenturen. Apropos Staat: Auch die entschlossensten Liberalisierer rufen ihn zu Hilfe, wenn – siehe die Rettung der Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac sowie des Versicherungsriesen AIG – Private in die Bredouille kommen. Siehe John McCain im laufenden Präsidentschaftswahlkampf: Jahrelang hat er den Liberalisierungskurs von George Bush mitgetragen, nun tritt er als entschlossener Regulator auf. Weil auch der Republikaner erkennt: Die Zeit des permanenten Deregulierens ist vorbei. Sonst sprengt sich das System selbst in die Luft.

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