Die Euro-Rettung wird noch teurer

Die Euro-Rettung wird noch teurer

Ein Scheitern des Euro könnte Österreichs Wirtschaft über Nacht mit 30 Milliarden Euro belasten.

Die Summen, um die es bei den Euro-Rettungspaketen geht, sprengen längst alle Dimensionen. Beim neuen Notfallschirm ESM, der Anfang der Woche vom österreichischen Parlament genehmigt wurde, geht es um insgesamt 700 Milliarden Euro. Sollte der ESM auch die letzten Hürden wie etwa die Zustimmung der deutschen Verfassungsrichter nehmen, stehen dann 500 Milliarden davon für rasche Geldspritzen zur Verfügung. Viel ist das trotzdem nicht.

Auf dem EU-Gipfel wurde vergangene Woche beschlossen, dass nicht nur marode Staaten, sondern auch schief liegende Banken von dem Geld profitieren können. Allein 100 Milliarden Euro dürften für Kapitalspritzen an spanische Geldinstitute erforderlich sein. Wenn man dazu den Bedarf für die Finanzbranche in anderen Sorgenkind-Ländern wie Griechenland, Portugal und Irland addiert, ist schnell die Hälfte dieser 500 Milliarden ausgegeben. Der deutsche Wirtschaftsforscher Hans-Werner Sinn weist im Interview darauf hin, dass die Bilanzsumme aller Banken in den Krisenstaaten 10.000 Milliarden Euro erreicht, das Dreifache der Staatsschulden dieser Länder.

Ganz offensichtlich werden schon bald noch höhere Summen eingesetzt werden müssen, um die europäische Einheit und das Jahrhundertprojekt Euro nicht ins Chaos abgleiten zu lassen. Da drängt sich natürlich die Frage auf: „ Was kosten uns die Vereinigten Staaten von Europa? “. Eine exakte Antwort lässt sich auf diese Frage naturgemäß genauso wenig geben wie auf die gegenteilige Frage: „Was kostet es uns, wenn der Euro zerbricht?“

Euro-Zerfall als finanzielles Desaster

Trotzdem bin ich sicher, dass die Vereinigten Staaten von Europa unter dem Strich eine gute Investition sind und letztlich wesentlich mehr Gewinn abwerfen als Kosten verursachen. Allein die unmittelbaren Kosten des Scheiterns des Euro könnten laut Schätzungen der Schweizer Großbank Credit Suisse 1.000 Milliarden Euro ausmachen. In Deutschland würde das Bruttoinlandsprodukt um fünf bis zehn Prozent schrumpfen, in Österreich wäre mit einer ähnlichen Größenordnung und damit einem Rückgang um bis zu 30 Milliarden Euro zu rechnen. Nur zum Vergleich: Der Anteil von Österreich am ESM-Rettungsschirm beträgt rund 20 Milliarden Euro, und zwar nur als potenzielle Haftung. Die 30 Milliarden, die ein massiver Konjunktureinbruch verschlingen könnte, wären ganz reale Verluste, die sofort schlagend würden. Der komplette Zerfall der Europäischen Union und die Rückkehr zu nationalem Kleingeist samt möglichen regionalen Kriegen wie nach dem Zerfall Jugoslawiens könnte im schlimmsten Fall ein Vielfaches ausmachen, von den menschlichen Tragödien ganz zu schweigen.

Schon die rein ökonomischen Vorteile von Vereinigten Staaten sind dagegen fast unermesslich, wie das Beispiel der USA zeigt. Dort liegt die Staatsverschuldung bereits jenseits der 100-Prozent-Marke. Die laufende Neuverschuldung ist wesentlich höher als im kritisch beäugten Italien. Und ob sich die zutiefst zerstrittenen amerikanischen Parteien in Zeiten eines Wahlkampfes auf neue Sparpakete einigen können, steht völlig in den Sternen. Übersetzt ins Alltagsleben heißt das, ein heillos zerstrittenes Ehepaar mit völlig überzogenen Konten macht weiter munter Schulden. Jede Bank würde einen weiteren Kreditantrag kategorisch ablehnen. Der amerikanische Finanzminister kann sich dagegen weiter fast unbegrenzt Geld zu Top-Konditionen beschaffen, weil der Dollar die weltweite Leitwährung ist.

Die Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen liegen derzeit bei nur 1,63 Prozent und damit fast auf dem Niveau, das Deutschland zahlt. Wären die US-Zinsen nur einen Prozentpunkt höher, würde das langfristig die Zinslast um über 1.000 Milliarden Dollar erhöhen. Dazu kommen weitere Vorteile einer wirtschaftlichen Führungsmacht wie die Möglichkeit, Rohstoffe und andere Güter in der eigenen Währung abzurechnen.

Letztlich ist der Prozess der europäischen Einigung ohne echte Alternative, wie der deutsche Altbundeskanzler Helmut Schmidt Anfang der Woche feststellte: „Entweder setzen wir unsere Finanzkrise fort und kämpfen als einzelne Staaten um unser nationales Schicksal und um unsere nationalen Vorteile – aber mit schwindender Aussicht auf Erfolg. Oder wir finden zurück zum Konzept des fortschreitenden europäischen Verbundes.“

Es hat Jahrzehnte und zahlreiche Krisen benötigt, bis sich die Vereinigten Staaten von Amerika entwickelt haben und die Bürger von den Vorteilen profitierten. Auch die Vereinigten Staaten von Europa benötigen noch einige Zeit. Alle EU-Mitglieder müssen auf dem Weg dahin einen Teil der nationalen Eigenständigkeit aufgeben. Entscheidend ist nur, dass dieser Prozess nicht aus kleinlichen Erwägungen über die Frage: „Wer zahlt jetzt wie viel für die Rettung des Euro?“ plötzlich abrupt endet.

- Martin Kwauka

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten