Die verlorene Ehre des Alfred G.

Die verlorene Ehre des Alfred G.

Darf ein ehemaliger Regierungschef vom kleinen Glücksspiel profitieren oder Despoten beraten? Die komplizierte Antwort auf eine einfache Frage.

Ein Telefonat Mitte vergangener Woche. Wieder wird kolportiert, Alfred Gusenbauer werde Präsident des SK Rapid Wien. Sein jüngster Brötchengeber, der Glücksspielkonzern Novomatic, steige als Großsponsor bei den Kickern ein. Er dementiert beides. Den eigenen Karrieresprung mit Worten von Symbolkraft: „Ich kann mir so ein Amt nicht leisten, ich muss Geld für meinen Lebensunterhalt verdienen.“ Alfred Gusenbauer ist da zwischen Lissabon und Porto unterwegs. Geschäftlich.

Jetzt hat er ohnehin andere Sorgen. „profil“ enthüllt, dass der Kanzler a. D. unter Spitzelverdacht steht. Der Staatsanwalt ermittelt. Anonyme Anzeige. Er soll dem kasachischen Staatschef Nursultan Nasarbajew, in dessen Sold er auch steht, vertrauliche Wiener Parlamentsdokumente weitergeleitet haben.

Gusenbauer weist das zurück. Abgesehen davon, dass mit der Modeerscheinung „anonyme Anzeige“ jedem alles unterstellt werden kann, ist es in Kenntnis der Person kaum anzunehmen, dass er kasachischen Spionen höchstselbst Parlamentspapiere zukommen hat lassen. Das wäre sozusagen Strasser zum Quadrat. Und so – pardon – blöd ist Gusenbauer nicht.

Aber mehr hat er nicht gebraucht: Er wird mit Hohn („Lieber 007-Gusi“, © „Krone“) und Jauche überzogen. Ein enger Weggefährte, dessen Karriere Gusenbauer befördert hat, empfiehlt der SPÖ, ihn „aus all seinen Funktionen zu entfernen, die er noch hat.“ Denn: „Man kann nicht Vizepräsident der Sozialistischen Internationale sein und gleichzeitig Despoten und Glücksspielkonzerne beraten.“

Starker Tobak. Aus der Position eines tugendhaften Altlinken hat der Kritiker sicherlich recht. Aber ein bisserl scheinheilig ist das alles schon – wie so oft, wenn die große Moralkeule ausgepackt wird.

Am neuen SPÖ-Programm schreibt der einst im Noricum-Prozess rechtskräftig verurteilte Pensionistenpolitiker Karl B. Daran stößt sich niemand. Die einzig verbliebene rote Wirtschafts-Wunderwaffe, Hannes A., war bis vor gar nicht so langer Zeit Aktionär und Aufsichtsratschef eines Online-Glückspielriesen. Daran stößt sich auch niemand. Dafür erzeugt Novomatic-Aufseher Alfred G. umso mehr Reibungswärme. Das hat natürlich seine Gründe.

Der Ybbser Arbeitersohn war schon immer ein Mann der Extreme. Vom ultralinken Jungsozi, der Moskauer Boden küsst, entwickelt er sich zum rechten Sozialdemokraten, der „die solidarische Hochleistungsgesellschaft“ einfordert.

Knackpunkt für das jetzige Verhalten ist das Jahr 2009. Als Kanzler von den Eigenen gestürzt, verhindert sein Nachfolger, dass Gusenbauer stellvertretender Präsident der EU-Kommission wird. Europas Sozialdemokraten hätten ihn gewollt. Werner Faymann nicht. Jetzt amtiert in Brüssel als EU-Kommissar mit Johannes Hahn übrigens ein ehemaliger Novomatic-Vorstandschef. Das nur nebenbei.

Das Gefühl, dass die Genossen die bürgerliche Existenz vernichten wollen, hat zu etwas geführt, das Hans Rauscher einmal so beschrieb: „Gusenbauer dürfte sich entschlossen haben, ins Herz des Kapitalismus vorzudringen.“ Seither fährt der Ex-Kanzler – im übertragenen Sinne – mit gestrecktem Mittelfinger durch die Welt. Und macht vieles, ja fast alles, was das Gesetz nicht verboten hat und Geld bringt. Mehr als vier Millionen Euro hat er in den letzten vier Jahren verdient. Superseriöse Mandate wie Chef der Haselsteiner-Privatstiftung, AR-Präsident der Strabag finden sich darunter ebenso wie die umstrittenen.

Dem hochgebildeten Gusenbauer, der die kommende Reindustrialisierung der USA ebenso aus dem Stand analysieren kann wie geniale Spielzüge seines geliebten FC Barcelona, ist freilich eines schon vorzuwerfen: Er hat das Maß verloren, was ein Ex-Kanzler tun kann oder eben nicht. Auch das liegt in einem Charakter begründet, der zuweilen zur Hybris neigt.

Despotencoaching sollte eher nicht zum Aufgabengebiet eines Ex-Kanzlers gehören. Profite aus dem Automatenspiel zu ziehen, auch nicht. Das bringt eine der gefährlichsten Suchterkrankungen überhaupt mit sich. Für diese Erkenntnis muss man kein moralinsaurer Linker sein. Es gibt eine Art gesellschaftliche Verantwortung, auch nach einem hohen Staatsamt.

Natürlich fällt die Diskussion auf die Institutionen und die politische Klasse zurück. Gleich zweifach. Der Volksmund sagt sich wieder: „Eh ollas Gauner“. Und die Elite wird es mit HP Haselsteiner halten: „Ein Politiker hat kein Sozialprestige, muss sich von Medien wie Putzlappen behandeln lassen und verdient nichts. Was also sollte den politischen Beruf interessant machen?“

Das führt dazu, dass dem Raumschiff Politik immer weniger Frischluft zugeführt wird, Expertise von außen fehlt, das Land von Leuten regiert wird, die nie etwas anderes gesehen haben als Politbüros von innen. Und das ist das eigentlich Bestürzende an der Debatte um den Ex-Kanzler.

- Andreas Weber

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