Die Dosis macht das Gift

Die Dosis macht das Gift

Im Team Stronach gab es einige Sündenfälle: die erwogene Fusion mit dem BZÖ, Franks Ablehnung von Medien-Trainings und die Gründung des Parlamentsklubs, meint Tillmann Fuchs. Er war Wahlkampfmanager des Team Stronach und langjähriger Berater von Frank Stronach. Nach der Wahl verließ Fuchs das Team Stronach.

Das also war Frank Stronach in der österreichischen Politik. Häme und Schadenfreude ergießen sich über den Gescheiterten. Die relevante Perspektive ist aber eine ganz andere: Rückblick ins Jahr 2011, als erste Pläne die Runde machen, dass Stronach sich in der österreichischen Politik engagieren könnte. Was für ein ehrenwertes Ziel! Ein Mann, der das nicht notwendig hat, nimmt sein eigenes Geld und investiert es in seine alte Heimat. Er will die althergebrachte Macht-Arithmetik, die zu einer in sich selbst erstarrten, großen Koalition führt, aufbrechen. Und zwar ohne ausländerfeindliche Hetze. Er will ein flexibleres politisches System schaffen, damit Österreich im internationalen Vergleich nicht noch weiter zurückfällt.

Die Ziele dieser neuen Partei leuchten jedem ein: Mit den Ersparnissen einer Entbürokratisierung Österreichs Steuern senken und den Sozialstaat erhalten. Niemand soll hier überbleiben, aber Leistung muss sich wieder auszahlen! Und das Ganze kommt von einem Mann, der eine geradezu unglaubliche Erfolgsgeschichte zu erzählen hat. Der integer ist und schon in der Vergangenheit Gewaltiges für Österreich geleistet hat. Wer kann da noch nein sagen?

Stronach, das Team

Stronach selbst sieht sich zu dem Zeitpunkt nicht in der Rolle des Spitzenkandidaten und sagt das auch immer: Er ist in der Rolle des Ermöglichers, der nur die Rahmenbedingungen vorgibt und das Vorhaben finanziert. Doch die Suche nach Mitstreitern gestaltet sich schwierig, denn im Wesentlichen weiß das Team Stronach natürlich schon alles.

Nun überlegt Stronach, allen Warnungen zum Trotz, den Zusammenschluss seiner Partei mit dem BZÖ - meiner Ansicht nach der erste Sündenfall. Dieser ernsthaft in Erwägung gezogene Schritt schreckt viele gute Leute ab. Die logische Folge: Stronach spannt sich selbst vor den Karren und muss als Spitzenkandidat fungieren. Die einzig mögliche Inszenierung: Stronach als Staatsmann. Ein Visionär, der die großen Lösungen vor Augen hat und der daher nicht wissen muss, wie viele Gemeinden es in Niederösterreich gibt. Doch nun schlägt eine alte Werber-Weisheit durch: "Erfolgreiches Marketing macht ein problematisches Produkt schneller kaputt.“ Denn als Spitzenkandidat muss Stronach die ORF-Duelle bestreiten. Fernsehen lebt von Bildern, das Auftreten an sich wiegt schwerer als der Inhalt des Gesagten. Die meisten Menschen erinnern sich nach den Diskussionen nur, wer ihnen dabei sympathischer und/oder kompetenter erschienen ist.

Sündenfälle

Stronach ist aber ein Mann, dessen systematischer Zugang genau das Gegenteil gebietet: Das Wie, also die Verpackung, ist eher nebensächlicher Luxus. Auf den Inhalt kommt es an. Wenn es der Inhalt der Packung also ehrlich meint und die richtigen Werte vertritt, was kann dann noch schiefgehen? Das bessere Produkt zum besseren Preis wird sich immer durchsetzen; ein bekannter Stehsatz von Stronach. Politik ist aber Teil der Kommunikationsindustrie, und dort ist es eben anders. Es ist wohl dieses Missverständnis, das zu einer weitgehenden Vorbereitungs-Verweigerung geführt hat. Gelassenheit im Fernsehen zu zeigen, bedarf einiger Übung, eben eines echten Trainings. Ein, zwei kultige ZiB2-Auftritte sind zu verkraften, aber die stundenlangen TV-Auftritte waren den Österreichern dann doch zu viel. Die Dosis macht auch hier das Gift.

Der zweite Sündenfall war aus meiner Sicht die Gründung des Parlamentsklubs: Stronach hätte ein Robin Hood der Politik werden können. Robin Hood lebt aber im Wald und nicht im Schloss (oder Parlament). Der einzige USP der Bewegung, nämlich eben nicht dem Establishment anzugehören, wurde aufs Spiel gesetzt. Der Eindruck entstand: Ein wohlhabender Mann kauft sich eine Partei zusammen.

Bauchgefühl statt Programm

Mit fortschreitender Medien-Exponiertheit verändert sich auch die Bewegung selbst. War das Team Stronach anfänglich als eine Innovationspartei erdacht, in der pragmatische Experten die besten Lösungen zusammentragen, so wurde die Bewegung zusehends von "Bauchgefühl“ übernommen“: Dinge, die nie im Parteiprogramm standen, wurden plötzlich mit dem Brustton der Überzeugung oder mit skurriler Beiläufigkeit vertreten; teilweise leider auch haarsträubende Dinge. Natürlich versucht man dann, die Zahnpasta wieder in die Tube zu kriegen, aber das klappt selten.

Häme und Schadenfreude sind dennoch unangebracht. Eher Bedauern über eine ungenutzte, historische Chance. Vielleicht können ja die Neos - die ohne Kernschmelze des Team Stronach nie ins Parlament gekommen wären - ihre Chance besser nutzen und etwas für unser Land erreichen.

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