Der ÖAAB könnte zum Taktgeber werden -
für die ÖVP und auch für Erwin Pröll

Der bourgeoise Spaßvogel, der einstmals den Begriff „Herz-Jesu-Kommunismus“ erfunden und verbreitet hat, ist nicht mehr zu eruieren; gemeint war ein Linkskatholizismus, der die katholische Soziallehre mit marxistischem Radikalismus verquickt. Nun nannte sich die ÖVP nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht „christlichsozial“. Aber die inbrünstige Verehrung von „Rerum novarum“ und „Quadragesimo anno“ blieb tief verwurzelt. Und während sich auf europäischer Ebeneder Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ durchsetzte, waren es die Gründungsväter des ÖAAB, die sich als christliche Sozialreformer auf den „Dritten Weg“ machten – zwischen Sozialismus und Kapitalismus …

Seit damals gibt es in der ÖVP einen Gartenzaun; links davon der mitgliederstarke ÖAAB als ideologische Traditionsbewahrungsanstalt und programmatische Reformmaschine (mit „jungen Löwen“ aus dem CV wie Alois Mock und Josef Taus); rechts des Gartenzauns die Bauern und Gewerbetreibenden, deren pragmatische Spitzen bis 1970 die Bundeskanzler der Republik stellten. Die Gesamtpartei freilich musste, um wählerattraktiv zu sein, auch noch nach anderen Führungskriterien fragen. So wurden zeitweilig „Bunte Vögel“ berufen (wie Erhard Busek) oder „Ökosoziale“ (wie Josef Riegler) und „Modernisierer“ (wie Wolfgang Schüssel). Deren geistige Heimat war nicht so sehr ihr jeweiliger Bund, sondern die Katholische Hochschulgemeinde. Weshalb Schüssel auch zu Jahresanfang 2000 ohne besondere Skrupel einen Pakt mit einem echten Rechten wagen konnte – mit Jörg Haider.

Man erinnere sich bitte: Damals war der Frust über die „Sozis“ bei den ÖVP-Funktionären so angewachsen, dass viele die traditionellen Vorbehalte gegen das Dritte Lager zurückstellten. Im stets betont „österreichischen“ AAB trat eine Art Starre ein; während karrierebewusste Gesellschaftsgruppen – wie z. B. die leitenden Angestellten – bald auf dem Weg zu anderen Bünden (oder zur Industriellenvereinigung) waren. So blieb dem ÖAAB nur das Monopol für die Beamtenvertretung. Was die „Laudongasse“ (=Zentrale des ÖAAB) typisierte, war Kleinbürgerlichkeit und öffentliches Bravsein.

Grand old party kämpft
Nun ist seit dem letzten Wochenende Außenminister Michael Spindelegger mit 98,6 Prozent Stimmenanteil Obmann des noch immer größten Bundes der ÖVP geworden; und fast zeitgleich wurde öffentlich, dass die schwarze grand old party nicht nur um das Amt des Bundeskanzlers, sondern 2010 auch um jenes des Staatsoberhauptes kämpfen wird.

Was mittlerweile und interessanterweise das schwarze Fußvolk zu beflügeln scheint; hatte doch Bundespräsident Heinz Fischer – trotz seiner bemühten Versuche um Ausgeglichenheit und Korrektheit vis-à-vis der katholischen Kirche – nie die Zuneigung der ÖVP-Kohorten erworben; er blieb der „Rote Heinzi“. Jetzt steigt, und das macht die Schwarzen hoffnungsfroh, aber die absolute Nummer eins der ÖVP zwischen Bodensee und Neusiedler See in den Ring; es ist Erwin Pröll, der in der ihm eigenen zupackenden Art und Weise das Gesetz des Handelns an sich gerissen hat.

Und das, obwohl er weiß, dass die Präsidentenwahl am Höhepunkt jener Finanz- und Wirtschaftskrise ausgetragen wird, die 2010 alle beschäftigen wird. Chancenlos?

Raubtierkapitalismus geht zugrunde
Nun, die KP-Staatswirtschaft ist schon vor zwanzig Jahren gescheitert, der Raubtierkapitalismus geht derzeit vor unseren Augen zugrunde, und die Sozialdemokratie sieht auch nicht gerade taufrisch aus. So gesehen steht es um die Christliche Soziallehre also gar nicht so schlecht …

Der ÖAAB sollte jedenfalls wieder zum Thinktank des schwarzen Lagers avancieren; Intellektuelle könnten dort eine geistige Heimat finden, wo man die neuen Themen der Gesellschaft offen und kritisch diskutiert: das veränderte Familienbild, den Rechtsradikalismus, die Civil Society, Nachhaltigkeit, die bessere Nutzung unserer Bildungsressourcen, Ausbildungs- und Wissenschaftsfragen.

Die Liste ist erweiterbar und wird Sachverhalte umfassen, die sowohl Pröll wie Spindelegger beschäftigen müssen. Letzterer wird sich als Außenpolitiker auch besser beraten lassen können, wie man die skandalöse Europamüdigkeit der Österreicher bekämpft; und wie der Brüsseler Watschentanz österreichischer Populisten zu beenden ist.

Wie also wird es weitergehen?
Was werden nach der Pröll’schen (Selbst-)Nominierung die anderen Mitspieler tun? Werner Faymann etwa und Michael Häupl. Vor allem aber wird es spannend werden, wie sich jetzt ein Josef Pröll aufstellt: als Neffe, Vizekanzler, Finanzminister, Parteiobmann?

Wie hat doch weiland Fred Sinowatz gemeint: „Es ist alles sehr kompliziert.“ Er hat schon damals die österreichische Politik gemeint. Ohne zu wissen, dass alles noch komplizierter werden kann.


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