Der kleine schwarze Messias

Der kleine schwarze Messias

Vom Kondomverteiler zum Superminister in nur drei Jahren: Der Aufstieg von Sebastian Kurz ist auch Symbol für den Zustand der Politik.

An Selbstbewußtsein mangelt es dem 27-Jährigen nicht. Kann es auch gar nicht, denn ohne wäre er nicht so weit gekommen. Und doch überrascht Sebastian Kurz seine Umgebung immer wieder. Kürzlich marschierte er ins Büro eines Ministers – gut doppelt so alt wie der Spund – und forderte bestimmt, man möge ihm asap die Unterlagen für die Regierungsgespräche vorbereiten.

Sebastian Kurz ist nämlich VP-Chef der Arbeitsgruppe „Zukunft“ der Koalitionsverhandlungen. Zuständig für: Infrastruktur, Verkehr, Forschung, Umwelt, Energie, Jugend, Familie, Integration. Ein schöner Brocken, mehr als jeder andere Verhandler zu bewältigen hat. Anders formuliert: Ein Studienunterbrecher (Jus) ist jetzt dafür verantwortlich, ob Österreich die dringend nötige „Innovationsstrategie“ entwickeln kann, die inner- und außeruniversitäre Forschung so stärkt, dass das Land mit der Weltspitze mithalten kann. Was derzeit nur in Ansätzen der Fall ist. Daran hängen in den nächsten Jahrzehnten zehn-, wenn nicht gar hunderttausende Jobs.

Betrachtet man die Zahl der Patente, ein Indikator dafür, ob ein Land zukunftsfit ist, steht etwa Schweden ungleich besser da als Österreich.

Bei Umwelt und Energie hat Kurz dazugelernt. Noch 2010 fuhr er im Hummer herum, in jenem US-Geländewagen also, der zum Symbol für dinosaurisches Umweltverständnis geworden ist. Jetzt bewegt Kurz als Dienstwagen eine modernst motorisierte deutsche Mittelklasselimousine. Bahnbrechende Ansagen in Sachen Verkehr, Energie, Umwelt sind freilich nicht zu finden. Wie auch?

Beim Rest der Materie – Jugend, Familie und Integration – kennt er sich aus. Jung ist er selber, das mit der Familie wird schon noch und als Integrationsstaatsekretär hat er tadellose Arbeit geleistet.

Eines kann Kurz: Sich rasch in neue Aufgaben einarbeiten, das A und O eines erfolgreichen Politikers. Aber ob ein Schnellkurs in Sachen Forschung auch Weltklassepolitik ergibt, ist doch fraglich.

Kurzum: Sebastian Kurz ist der neue Superstar. Eine sehr österreichische Karriere: erst verhöhnt, dann in den Himmel gehoben. Vor drei Jahren, im Wiener Wahlkampf, verteilte er als JVP-Chef noch Kondome, heute ist er der Hoffnungsträger der Bürgerlichen. Und nicht nur der. Mit höheren Popularitätswerten als die Parteichefs. Einen Wunderwuzzi wie ihn haben andere Parteien nicht. „Superminister“ soll er jetzt werden – mit fast all jenen Agenden, die er verhandelt.

Der jüngste überhaupt. Hannes Androsch war 32, Karl-Heinz Grasser 31. Kurz wurde am 27. August 27.

Die Hoffnungen der Koalition des allerletzten Aufgebotes ruhen vor allem auf ihm: Neu regieren, wieder beliebt werden, gar das seit 1945 etablierte rot-schwarze „System“ retten, das nun so knapp vor dem Zusammenbruch steht. Kurz soll’s richten.

So absurd sich das liest, so wahr ist es. Kann das gut gehen? Die Antwort ist einfach: natürlich nicht. Nur ein Messias könnte diese Erwartungen erfüllen. Für das Grounding werden zuerst die Eigenen sorgen. Schon jetzt wird der Blitzaufsteiger da und dort eifersüchtig beäugt. Angeblich auch vom eigenen Parteichef, der ihn erfunden hat, den der Hype um Kurz aber schon ein wenig nervt. Die ersten Abreibungen kommen spätestens, wenn er zwischen die diversen Bünde- und Länderfronten gerät. Und das ist als Minister unvermeidlich. Angeblich wollen ihm manche so viele Kompetenzen umhängen, dass er nach zwei Jahren Geschichte sein muss. Wir kennen die Steigerung: Feind, Todfeind, Parteifreund.

Als Staatsekretär hatte er es da leichter, auch wenn es sich um das ungeliebte Thema Integration handelte. Die Innenministerin, zu der Kurz ressortiert, hielt ihm den Rücken frei. Abschiebungen und andere Grauslichkeiten kommunizierte sie.

Er zog als Botschafter des guten Willens durch die Lande. Schaffte aber so, was noch keiner vor ihm geschafft hat: das Thema Migration und Integration auch mit positiven Inhalten zu füllen.

Durch seine geschickte Art zu formulieren und mit Menschen umzugehen, gab es auch bald mächtige Gönner und Förderer abseits der verstaubten ÖVP: Generaldirektoren, Unternehmer, die seit langem auf eine Änderung der verhatschten Zuwanderungspolitik drängen. „Das Boot ist voll“ gilt heute noch als Generallinie. Die Wirtschaft aber braucht Fachkräfte, die sie im Inland so nicht mehr findet.

Der Ausgang der Geschichte wird sich bald zeigen. Aber eines steht schon fest: Wie eines der wenigen Talente überfordert und mit Hoffnungen überfrachtet wird, sagt viel über den Zustand der Politik aus. Da ist nicht mehr viel.

- Andreas Weber

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