Der Magna-Macher im Minenfeld

Der Magna-Macher im Minenfeld

Es kann nicht schaden, die Vorurteile über Frank Stronach ein wenig mit Fakten anzureichern.

Es war das Tagesthema der Mediengesellschaft. Am Dienstag vergangener Woche war Magna-Milliardär Frank Stronach in der „ZiB 2“ zu Gast – und gar nicht brav. Unter Missachtung von Anstand und Anpassung versuchte er seine Botschaften rüberzubringen.

Mehr hatten die Meinungsdesigner in gedruckten und digitalen Medien nicht gebraucht. Am nächsten Tag ergossen sich Sturzbäche von Hohn und Häme über den 79-jährigen Polit-Frischling. Stronach habe keine Chance, keine Erfahrung, keine Strategie, er werde grandios scheitern: Das war der Mainstream im politmedialen Komplex.

Besonders komisch wirkten die vernichtenden Urteile möglicher politischer Mitbewerber. So nannte SPÖ-Klubchef Cap – der sein ganzes Leben im steuergeldfinanzierten Bereich verbracht hat – den erfolgreichen Firmengründer abfällig einen „kanadischen Opa“.

Andere konnten sich gar nicht genug entsetzen, dass ein paar Projekte Stronachs floppten – als wäre das ungewöhnlich bei einem Multiunternehmer. Nur in geschützten Werkstätten ist derlei unvorstellbar. Stronach hat mit seiner Ankündigung, in der Innenpolitik mitzumischen, eine Schwelle überschritten. Dahinter beginnt ein Minenfeld. Nicht wenige wünschen dem Selfmademan einen Fehltritt.

Es kann nicht schaden, die Vorurteile über Stronach mit Fakten anzureichern: Er kritisiert etwa den europäischen Rettungsschirm ESM. Das ist keine isolierte Verschrobenheit. In Deutschland haben soeben 170 Wirtschaftsprofessoren den ESM als Fehler bezeichnet.

Die deutschen „Wirtschaftsweisen“, hoch angesehene Ratgeber der Bundesregierung, sprechen von einer „systemischen Krise“ der Währungsunion. Stronachs Rezepte gegen die Krise, zum Beispiel die Rückkehr zum Schilling, mögen populistisch, falsch oder unausgereift sein – den Stein der Weisen hat auch sonst keiner gefunden.

In den Augen der Wählerschaft ist er jedenfalls vertrauenswürdig: Bei einer aktuellen „trend“-Umfrage gaben 20 Prozent der Befragten an, Stronach wäre fähig, die Wirtschaftskrise zu meistern. Zum Vergleich: Kanzler Faymann trauen dies sechs Prozent zu, Vizekanzler Spindelegger drei – die „Wirtschaftspartei ÖVP“ lebt nur noch als Zitat im Archiv. Ein weiterer Angriffspunkt Stronachs ist die hiesige „Scheindemokratie“. Parteien, Gewerkschaften, Bünde, Kammern und Vorfeldorganisationen hätten ein „Machterhaltungssystem“ installiert.

Auch das ist keine abseitige Analyse, sondern Fixpunkt jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit dem politischen System. Ein Netzwerk organisierter Interessen überzieht die Republik, dominiert von Rot und Schwarz – obwohl die Ex-Großparteien nur mehr knapp die Hälfte der Stimmen lukrieren.

Das Vertrauen in die politische Führung ist gering wie nie zuvor in der Zweiten Republik. Stronach möchte diese Stimmung nutzen – wie auch die FPÖ oder die Grünen oder die Piraten und wer immer 2013 noch auftaucht.

Spannend ist die Frage, welche Chancen der Magna-Macher haben könnte. Er will ja keine gewöhnliche Partei mit Bundeszentrale, Landes- und Bezirksverbänden gründen, sondern eine breite „Sammelbewegung“, die seine „Werte und Prinzipien“ verbreitet. Das Geld für eine massentaugliche Kampagne hat er.

Nach der Sommerpause soll es losgehen – mit Inseraten, Foldern, Beilagen, TV-Spots nach US-Muster. Sein Programm nennt der Pferdefreund hochtrabend „eine Revolution für Österreich“. Manche Ideen sind schräg und schrill. Ob sie beim Wählervolk ankommen, wird vor allem von den Leitfiguren abhängen.

Das ist derzeit Stronachs wunder Punkt: Er hat noch keine weithin akzeptierte Persönlichkeit, die sich diese Spitzenkandidatur antut. Siegfried Wolf, einst Top-Mann bei Magna, jetzt in Russland engagiert, wird es eher nicht sein. Aber Stronach war immer für Überraschungen gut. Die stille Hoffnung seiner Konkurrenten, das Projekt werde vor dem Start mangels Personal scheitern, dürfte sich nicht erfüllen.

Für Neulinge war es immer schwierig, in der Bundespolitik Fuß zu fassen. Bei der Nationalratswahl 2008 kandidierten 15 Parteien, nur fünf schafften es in den Nationalrat. Das Liberale Forum, einigen Wählern durch Heide Schmidt in ferner Erinnerung, kam auf 2,1 Prozent, die „Liste Fritz“ (Dinkhauser, Tirol) machte 1,8. Vier Prozent sind für den Sprung ins Parlament notwendig. Die einzige erfolgreiche Neugründung der jüngeren Vergangenheit waren, vor einem Vierteljahrhundert, die Grünen.

Doch Stronach wird in jedem Fall relevant, wenn er die Bewegung auf Trab bringt. Auch wenn er nur ein paar Prozent macht, fehlen die woanders. Der Einsteiger wird bei den Freiheitlichen, bei der Volkspartei und beim BZÖ wildern. Für Letzteres könnte eine zusätzliche Konkurrenz das Aus bedeuten. Wenn Stronach antritt, könnte er die Bewegungsstarre der heimischen Politik brechen. Die anderen müssten sich seinen unbequemen Themen stellen.

Frank Stronach kann auch stolpern. Aber wenn, dann nur über sich selbst.

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