Der IWF und der Rechenfehler

Analysten des renommierten britischen Investmenthauses Hermes haben eben eine düstere Prognose veröffentlicht und vor neuen politischen Risken in den OECD-Ländern gewarnt.

Der IWF und der Rechenfehler

Michail Gorbatschow hatte gerade begonnen, die Sowjetunion mit Perestroika und Glasnost zu beglücken, da erschien in einem amerikanischen Magazin (keine Ahnung mehr, in welchem) eine niedliche Karikatur: Ein Genosse mit Pelzmütze und roter Knollennase stapfte im tiefsten sibirischen Winter durch den tiefen Schnee in Richtung seiner bescheidenen Hütte und rief seiner Frau, die vor der Tür auf ihn wartete, aufgeregt entgegen: "Du wirst es nicht glauben, Olga, aber in Moskau haben sie bekannt gegeben, dass der Kommunismus ein Irrtum war.“

An dieses Bild erinnerte ich mich, als Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (und Nachfolgerin von Dominique Strauss-Kahn) durch einen ihrer Chefvolkswirte bekannt geben ließ, dass man in einem der ökonomischen Rechenmodelle des IWF gravierende Fehler entdeckt hatte.

Konkret ging es darum, dass man die negativen Auswirkungen von staatlichen Sparprogrammen total unterschätzt hatte: Austerity würde sich viel stärker in Form eines Konjunktureinbruchs auswirken, als das der Währungsfonds bisher berechnet hatte. Im Klartext: Man kann Staaten offenbar kaputtsparen.

Besser später draufgekommen als gar nicht, könnte man sagen. Aber leider ist der Währungsfonds eine wichtige Antwort schuldig geblieben - wie nämlich Staaten sparen und gleichzeitig einen dringend benötigten Wirtschaftsaufschwung starten sollen, ohne dabei noch höhere Schulden anzuhäufen.

Analysten des renommierten britischen Investmenthauses Hermes haben eben eine düstere Prognose veröffentlicht und vor neuen politischen Risken in den OECD-Ländern gewarnt: Einerseits steige die Gefahr, dass sich Regierungen auf die brutale Tour Geld besorgen - zum Beispiel durch so hässliche Dinge wie Zwangshypotheken auf Immobilien. Andererseits macht man sich Sorgen über die hohe Jugendarbeitslosigkeit in einigen Euroländern. In der Vergangenheit habe so etwas auch schon Bürgerkriege ausgelöst.

Wenn nur jeder zweite Jugendliche einen Job hat, ist das kein nachhaltiger Zustand - allein wegen der Pensionen. Aber es gibt noch einen weiteren Trend, den man wohl kaum einfach in die Zukunft extrapolieren kann - dass nämlich die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, wie das zurzeit rund um die Welt passiert - in Industriestaaten gleichermaßen wie in der Dritten Welt.

Mit einer Ausnahme allerdings: In mehreren lateinamerikanischen Ländern öffnet sich die Schere neuerdings offenbar nicht mehr weiter, insbesondere in Brasilien, wo sich dieser Trend seit der Jahrtausendwende umgekehrt hat. Rund 30 Millionen Menschen aus den untersten Einkommensschichten D und E sind in den letzten zehn Jahren in die Schichten C und D aufgerückt, fast die Hälfte davon ist sogar im Mittelstand angekommen. Diesen Erfolg dürfen sich die letzten drei Linksregierungen auf die Fahnen heften, die das Vertrauen der Wirtschaftstreibenden gewinnen konnten, obwohl sie gleichzeitig massiv umverteilten. Das Geheimnis dahinter: Mit fünf bis zehn Prozent Wachstum pro Jahr kann man den Armen einen großen Anteil zuschanzen, und die Reichen immerhin noch mit kleinen Zuwächsen bei Laune halten.

Mangels Wachstum können das die Europäer leider nicht nachmachen. Da muss man sich schon etwas anderes einfallen lassen. Wirklich gute Lösungen haben schließlich Chancen auf den Nobelpreis.