Der Fünf-Punkte-Plan zum Wahlsieg

Der Fünf-Punkte-Plan zum Wahlsieg

Vielleicht sind die Unter-30-Jährigen bloß ehrlicher, wenn laut Umfragen nur 20 Prozent von ihnen sicher zur EU-Wahl gehen. 2009 nahm letztlich doch die Hälfte der Schüler und Studenten ihr demokratisches Recht wahr, aber lediglich vier von zehn Pensionisten.

Politikverdrossenheit der Jugendlichen ist ein unausrottbarer Mythos, die Angst der Politik vor der drohenden Wahlenthaltung trotzdem berechtigt. Denn Gegenstrategien zur Wahlmüdigkeit sind nicht in Sicht.

Dabei wäre es ganz einfach. Die Jugend - so unterschiedlich die Sozialwissenschaft sie altersmäßig definieren mag - hat ein überwiegend positives Bild von der Union. Das ist wenigstens eine gute Grundlage zur Mobilisierung. Zumindest für Parteien, die pro EU agieren. Wenn Einzelne meinen, ihre Stimme zähle nicht oder die Teilnahme an der Wahl könne ohnehin nichts verändern, bleiben nicht nur Jugendliche zu Hause.

Die Generation, die am 25. Mai erstmals zur Wahl schreitet, besteht aus European Natives. Nach dem EU-Beitritt 1995 geboren, keine persönliche Erinnerung an Schilling, geschlossene Grenzen und Zollkontrollen. Entsprechend stärker sind sie der EU verbunden. Drei Viertel der 15- bis 24-Jährigen fühlen sich als Bürger der Union - aber nur die Hälfte der Über-54-Jährigen.

Die häufigsten Assoziationen sind der Euro, die Freiheit, innerhalb der EU zu reisen, zu studieren, zu arbeiten und die kulturelle Vielfalt. Negative Aspekte wie Arbeitslosigkeit, höhere Kriminalität und Verlust der Heimatkultur verbindet nur eine Minderheit der Jugendlichen mit dem europäischen Einigungsprozess - allerdings deutlich mehr junge Menschen mit formal geringerer Bildung. Für viele ist die EU der selbstverständliche Ort, um ihre Träume zu verwirklichen.

Mit einem simplen Fünf-Punkte-Plan müsste die Jugend für die Wahl zu gewinnen sein, auch wenn damit aufgrund des geringen Anteils an Jungwählern noch keine Wahl zu gewinnen ist.

Erstens: europäische Themen. Es droht die generelle Themenverfehlung und Instrumentalisierung zur Denkzettelwahl mit österreichischer Innenpolitik. Junge Menschen haben nicht so viele Rechnungen mit Kanzler und Vize offen, dass sie dieses Spiel mitmachen. Attraktiver sind für sie Ideen zur Entwicklung der Union weit über die Legislaturperiode hinaus statt Ankündigungen der Verteidigung nationaler Interessen gegen eine vermeintlich böse EU.

Zweitens: Role Models. Die Kandidaten müssen den Wählern das Gefühl geben, ihre Ängste und Wünsche zu verstehen. "Kein typischer Politiker“ war ein häufig genanntes Wahlmotiv für Hans Peter Martin 2009. Wenn das Match um den Kommissionspräsidenten als "Altherrenduell“ bezeichnet wird, spielt weniger das Alter von Jean Claude Juncker und Martin Schulz eine Rolle als ihre Wahrnehmung. Der Jugend ist es eigen, höhere Ansprüche an Glaubwürdigkeit und Kreativität von Kandidaten zu stellen.

Drittens: Dialog und zuhören. Glaubwürdigkeit als neue Währung der Politik gelingt nicht mit einheitlichen Wordings und vorgefertigten Statements. Glaubwürdigkeit entsteht durch Gespräche, in spontanen, aber überlegten Antworten auf die gestellten Fragen. Die Jugend hat schon lange keine starke Lobby mehr.

Viertens: Medien der Digital Natives. TV-Duelle, Zeitungsinterviews, Plakatlächeln sind Schnee von gestern. Um Jugendliche überhaupt mit Botschaften zu erreichen, müssen neue Medien genutzt werden. Facebook, Twitter und Co. sind inzwischen Standardprogramm, doch die Jungen ziehen längst weiter. Sie zu finden, ist mitunter ein zu zeitaufwendiges Unterfangen in Zeiten schrumpfender Ressourcen.

Fünftens: politische Bildung, von Beginn an, aber ohne Ende. Die Vernachlässigung von Demokratie-Lernen und Europabildung in Österreichs Schulen zeigt Folgen: Jeder Dritte findet "man sollte einen starken Führer haben, der sich nicht um Parlament und Wahlen kümmern muss“. Nur mit mehr Wissen um politische Zusammenhänge und den Wert einer Demokratie kann dem entgegengetreten werden. Dies ist eine zentrale Bildungsaufgabe und Basis jeder öffentlichen Diskussion rund um die EU.

PS: Dieser Fünf-Punkte-Plan müsste auch bei älteren Erwachsenen funktionieren.

– Kathrin Stainer-Hämmerle ist Professorin für Politikwissenschaft an der FH Kärnten.

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