Der Fall Madoff: Haften die Banken?
Schadenersatz für einen falschen Fonds?

„Im Falle einer gefälschten Rolex haftet der Juwelier ebenso wie der Großhändler.“

Stellen Sie sich vor, Sie kaufen eine Rolex-Uhr bei Ihrem Juwelier bester Reputation. Sie erfreuen sich am guten Stück so lange, bis Ihnen auf einer Cocktailparty eine Expertin klarmacht, es handle sich um ein Fake made in Hongkong. Sie und Ihr Juwelier fallen aus allen Wolken. Er sagt, er habe diese Uhr so wie immer beim Generalimporteur eingekauft, das sei unglaublich, und die Uhr sehe ja wirklich echt aus. Sie werden von ihm Schadenersatz bzw. eine echte Rolex verlangen. Er wiederum könnte seinerseits vom Generalimporteur Schadenersatz fordern. Dieser stellt fest, dass seine Bezugsfirma einem Betrüger aufgesessen und inzwischen in Konkurs gegangen ist. Er würde daher auf seinem Schaden sitzen bleiben und will Ihrem Juwelier nichts bezahlen, und der will Ihnen jetzt auch keine neue Rolex mehr geben.

Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zu klagen. Mit Erfolg?
Ist doch klar, würde man meinen. Der Juwelier hätte den Betrug merken müssen, er haftet als Experte mit erhöhter Sorgfaltspflicht ebenso wie der Großhändler.
Wenn wir nun die Rolex-Uhr durch die Primeo-Fonds, Herald-Fonds oder Alpha Prime ersetzen, den Juwelier durch Ihren Bankberater und den Generalimporteur durch die Depotbank, so ist eigentlich auch klar, wer den Anlegern Schadenersatz leisten müsste.

Das sehen die Banken nicht so. Die Bank Austria weist jede Schuld von sich. Das Institut habe in den Beratungsgesprächen die Kunden stets auf das Risiko eines Totalverlustes bei Hedgefonds hingewiesen. Der Rechtsvertreter der Bank Medici meint sogar, es gebe nicht den entferntesten Grund für Schadenersatzzahlungen, die Bank habe nur damals „bestens“ bewertete Produkte verkauft. Nun sei der Fall eingetreten, dass alles verloren gegangen sei – dieses Risiko sei aber im Prospekt angeführt worden.

Nun enthält ein Prospekt nicht nur Risikohinweise, sondern auch Pflichten des Beraters (zum Beispiel Pioneer). Dazu gehört etwa die laufende Überprüfung der Performance des Managers, inklusive persönlicher Besuche vor Ort. Bei einer persönlichen Due Diligence wäre dem Berater vielleicht aufgefallen, dass der Wirtschaftsprüfer von Madoff in einem winzigen Büro residierte und nur drei Beschäftigte hatte.

Der Berater, der für seine Tätigkeit eine Verwaltungsgebühr von zwei Prozent pro anno und dazu noch eine Erfolgsgebühr kassiert, ist zudem für die Auswahl und Überprüfung der Manager zuständig. Eine solche Auswahl von Managern hat das Ziel, das Risiko zu streuen. Hier wäre nachzuweisen, dass tatsächlich mehrere Manager und nicht nur Madoff beauftragt waren, der Berater also auch eine Gegenleistung für diese sehr hohe Gebühr erbracht hat. Neben dem Prospekt ist darauf zu achten, was in sonstigen Publikationen der Anbieter steht.

So erklärte die BA-CA in einer Aussendung im Jahre 2003 anlässlich der Lancierung des Primeo Executive Fund:
„Der Vorteil des neuen Primeo Executive Fund liegt insbesondere in der breiteren Risikostreuung … Die geringe Korrelation des Primeo Executive Fund mit traditionellen Asset-Klassen wird auch weiterhin erlauben, konstante Erträge unabhängig von der Entwicklung der Weltmärkte zu erwirtschaften. Die ständige Überwachung des Portfolios wird wie bisher ein höchstmögliches Maß an Transparenz und Sicherheit für die Anteilsinhaber gewährleisten.“

Die mit dem Vertrieb bzw. der Beratung der Fonds Primeo, Herald und Alpha Prime unmittelbar befassten Banken dürften damit einige Angriffsflächen für frustrierte Anleger bieten. Was aber ist mit jenen Banken und Finanzdienstleistern, die im guten Glauben an die gründliche Arbeit ihrer Kollegen diese Fonds ausgewählt und in ihre Kundenportefeuilles gegeben haben? Wäre es zumutbar gewesen, dass sie sich selber, etwa durch einen Besuch vor Ort, davon überzeugen, bei Madoff, Primeo & Co sei alles in Ordnung? Eine OGH-Entscheidung aus dem Jahr 1999 besagt, dass ein Anlageberater für Kenntnisse und Sorgfalt eines Sachverständigen einzustehen habe, wobei der Sorgfaltsmaßstab nicht überspannt werden dürfe und es letztlich eine Frage der Einzelfallgerechtigkeit sei, welche weiteren oder anderen Erkundigungen er nach der Sachlage hätte einholen können oder sollen. Im selben Jahr hieß es in einer weiteren oberstgerichtlichen Entscheidung, dass sich der Anlagevermittler selbst auf verlässliche Weise über die Wirtschaftlichkeit und Ertragsfähigkeit der angebotenen Anlage informieren müsse, weil seine Auskünfte sonst jeder objektiven Grundlage entbehren.

Fazit: gute Chancen für Anleger, die direkt von BA/Pioneer oder Medici betreut worden sind, auf Schadenersatzzahlung. Vorhandene, aber weniger gute Chancen für Anleger, die von anderen Banken beraten worden sind. Hier wird es von der Bewertung aller Umstände (Kundenprofil, Vertragsgestaltung, Darlegung des Fondsauswahlprozesses, Risikostreuung usw.) abhängen. Schadenersatz für eine falsche Rolex – ja, Schadenersatz für einen falschen Fonds – kommt drauf an.

Der Autor ist auch gerichtlich beeideter Sachverständiger für Bank und Börse.

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