Der Europäische Patient

Der Europäische Patient

Haben Sie schon gehört? In Griechenland, Italien, Spanien und Portugal kommt neuerdings Aufbruchsstimmung auf: Junge Arbeitslose gehen nicht mehr protestieren, sie packen ihre Koffer. Zehntausende suchen ihr Glück weiter nördlich in Europa, oder gleich in den USA, in Brasilien und Mexiko. Oft handelt es sich gerade um die Besten. Und viele von ihnen werden nicht mehr zurückkommen.

Ihr Mut ist bewundernswert, ihre Frustration verständlich. Europas Süden kommt nicht und nicht aus der Rezession heraus. Weiter im Norden ist es ein wenig besser. Dort pendelt man um die Nulllinie. Ein veritabler Aufschwung ist in Europa freilich nirgendwo in Sicht.

War die Politik der minimalistischen Zinsen also wirkungslos? Zum Abbau der Staatsschulden hat sie bisher wenig beigetragen. Wenn’s in diesem Tempo weiter geht, braucht Europa noch 20 Jahre zum Abbau der Schulden.

Aber auch als Treibsatz für Wirtschaftswachstum haben die niedrigen Zinsen versagt: Sie haben weder die Haushalte vom Sparen abgebracht (und zum Konsumieren verführt), noch haben sie die Unternehmen animiert, mehr zu investieren. Ist ja auch nicht weiter verwunderlich: Abgesehen vom Ersatz kaputter Maschinen, investieren Unternehmen nur dann, wenn sie gute Chancen für Wachstum sehen.

Sind diese Chancen trüb, lassen sich Unternehmen auch von billigem Geld nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Man kann den Ochsen bekanntlich zur Tränke führen, doch trinken muss er selbst. Sieht so aus, als wäre dem Ochsen dank mieser Stimmung der Durst vergangen.

Das Manko an Investitionen ist einer der Hauptgründe, warum in Europa kein nachhaltiger Wirtschaftsaufschwung zustande kommt. Und weil Europa dem Rest der Welt damit klar vermittelt, wie wenig man an die eigene Zukunft glaubt, glaubt auch der Rest der Welt immer weniger an Europa. Der stete Wertverlust des Euro gegenüber dem Dollar seit 2008 ist ein klares Indiz.

Eine Trendwende ließe sich nur durch vertrauenserweckende Signale auslösen - zum Beispiel durch zügige Umsetzung der so genannten Bankenunion. Das ist eine Konstruktion, die künftig verhindern soll, dass die Steuerzahler den Schaden übernehmen müssen, den schlecht geführte Banken anrichten. Banken dürften die Staaten also nicht mehr automatisch in neue Schulden stürzen.

In einem ersten Schritt ist eine europäische Aufsichtsbehörde geplant, die alle großen Banken direkt überwacht - und die kleineren indirekt über nationale Aufpasser kontrolliert. Wobei überall die gleichen Regeln gelten. Schritt zwei wäre ein Masterplan zur raschen, reibungslosen Abwicklung von Banken, die in Not geraten, mit dem Ziel, dass Staaten kaum noch belastet werden. Und im dritten Schritt geht es dann um die gemeinsame Sicherung der Spareinlagen. In Summe käme diese Bankenunion Europa um Häuser billiger als das bisherige Missmanagement der Krise. Und Europa bekäme endlich ein stabiles Fundament für sein Finanzwesen - ein wohl überzeugendes Signal an alle Skeptiker und Zweifler.

All das sollte eigentlich bis zum Herbst ausverhandelt sein und ab 2014 in Kraft treten. Aber leider werden die Entscheidungen möglicherweise wieder einmal verschleppt. Also werden noch mehr junge Europäer ihre Koffer packen - und heimische Unternehmen künftig noch mehr in Übersee investieren. Aber das wird Europa nicht wieder auf die Beine helfen.

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