Der Euro ist Geschichte

Der Euro ist Geschichte

Eine Währungsunion ohne politische Union hat nie funktioniert – gestern nicht, heute nicht.

Was haben Warren Buffett aus Omaha, Nebraska, und Theresia Theurl aus Hof bei Salzburg gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Der Amerikaner ist der drittreichste Mann der Welt, berühmt für sein goldenes Händchen. Die Österreicherin ist eine bloß in Fachkreisen bekannte Professorin für Volkswirtschaftslehre, derzeit Chefin des Instituts für Genossenschaftswesen der Uni Münster.

Beide eint eine gewisse Skepsis, was die Überlebensfähigkeit der europäischen Gemeinschaftswährung betrifft. Buffett, der mit Heben oder Senken seines Daumens weltweit Milliarden in Bewegung setzt, sagte kürzlich, dass er nicht an den Bestand des Euro in seiner jetzigen Form glaube.

Zwar habe die Eurozone daran gearbeitet, das System zu verbessern, das Problem aber sei, „17 Länder unter einen Hut zu kriegen“. Spanische, italienische und französische Staatsanleihen hat der Mann, der auch „das Orakel von Omaha“ genannt wird, schon vor zwei Jahren verkauft. Buffett im O-Ton: „In Europa zeigt jeder immer auf den anderen und sagt: ‚Die bekommen den besseren Deal.‘“

Der Wissenschaftlerin Theurl würde derart Zugespitztes nie über die Lippen kommen. Buffetts These jedoch, dass es mit dem jetzigen Euro-Regelwerk kaum möglich ist, 17 unterschiedliche Länder unter einen Hut zu bringen, hat sie selbst erforscht. Denn Theurl hat ein Buch geschrieben, das in Notenbankkreisen intensiv diskutiert wird. Es hat einen unspektakulären Titel: „Eine gemeinsame Währung für Europa – 12 Lehren aus der Geschichte“. *

Das Spektakuläre an dem 352 Seiten starken Werk ist etwas anderes: das Erscheinungsdatum 1992 und die Schlussfolgerungen. Theurl wies schon vor 20 Jahren – also am Beginn der Euro-Planungen – nach, dass keine Währungsunion der Geschichte ohne strenge politische Union je funktioniert hat.

Nicht ganz unaktuell, insofern lohnt ein näherer Blick auf die Studie. Die damals 36-Jährige analysierte methodisch zwölf Gemeinschaftswährungen des 19. und 20. Jahrhunderts: unter anderen die deutsch-österreichische Münzunion von 1857 und den Lateinischen Münzbund zwischen Frankreich, Schweiz, Belgien, Italien und – ja – Griechenland mit einem Austauschverhältnis von eins zu eins. Ein Franc war gleich viel wert wie ein Schweizer Franken oder eine griechische Drachme. Alle Münzen galten im Unionsgebiet als Zahlungsmittel.

Aufstieg und Fall des skandinavischen Währungsverbundes von 1872 bis 1931 wird ebenso im Detail abgehandelt wie die Gründung des Schweizer Franken. 1848 wurden die 319 verschiedenen Münzen der 23 Kantone vereinheitlicht und der Grundstein für die heute härteste Währung der Welt gelegt.

Nach Theurl lässt sich stets eine Systematik ableiten: Dort, wo monetäre Kompetenzen zentralisiert, eine gemeinsame Finanz-, Budget- oder auch Einkommenspolitik gemacht wird, funktioniert eine Gemeinschaftswährung. Dort, wo es beim losen Währungsverbund mit lückenhaften Verträgen bleibt, geht das gemeinsame Geld bei der ersten gröberen Krise den Bach hinunter. Nationale Interessen werden dann rasch vorrangig.

So geschehen etwa beim von Frankreich dominierten Lateinischen Münzbund 1865. Als der Preis für Silber steigt, reagieren die einzelnen Mitglieder unkoordiniert. Jedes versucht, das Beste für die eigene Volkswirtschaft herauszuholen. Italiens Staatshaushalt gerät wegen des Krieges mit Österreich in Schieflage. Der Münzbund wird auch durch das Aufkommen von Papiergeld Zug um Zug ausgehöhlt, wegen der Uneinigkeit über die Aufteilung der Verluste offiziell aber erst 1927 zu Grabe getragen.

Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder? Insofern ist der Euro gelebte Geschichte, auch wenn die Komplexität der Wirtschaften im Zeitalter der Industrialisierung nicht eins zu eins mit jener des globalisierten 21. Jahrhunderts verglichen werden kann.

Doch damals wie heute gilt, was Theurl sagt: „So wie sich in den monetären Unionen des 19. Jahrhunderts die Staatshaushalte als Sprengsätze herausgestellt haben, hat sich auch die Budgetdisziplin einzelner Euro-Mitglieder als kritischer Faktor herauskristallisiert, was wiederum auf die Anreizstrukturen ihrer politischen Ordnung zurückgeführt werden kann.“

Weniger wissenschaftlich formuliert, könnte man die Lehren aus der Vergangenheit schlicht so ziehen: Gelingt der EU jetzt nicht, Bankenunion und Fiskalpakt zu einer politischen Union samt unvermeidbarer Vergemeinschaftung der Schulden auszuformen, wird der Euro bald Geschichte sein.

Die Verfassungsklagen gegen den Fiskalpakt in Deutschland und bald auch in Österreich sind, in diesem Lichte betrachtet, (letzte?) national motivierte Erhebungen, die aber sehr wohl über das Ende des Euro entscheiden könnten.

Wie immer es ausgeht, das „Orakel von Omaha“ prophezeit nichts Gutes: „Europa wird nicht verschwinden. Es bleibt weiter ein riesiger Markt mit fähigen Leuten. In zehn oder 20 Jahren wird es der europäischen Wirtschaft besser gehen. Aber der Weg von hier nach dort wird unschön werden“ (Warren Buffett). Hoffentlich liegt das Orakel damit falsch.

* Theresia Theurl, „Eine gemeinsame Währung für Europa – 12 Lehren aus der Geschichte“, StudienVerlag, 1992, unveränderter Nachdruck 2011, € 34,90

- Andreas Weber

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