Der "BILD"-Indikator

Der "BILD"-Indikator

Derzeit verzeichnen alle großen Leitindizes neue Höchststände, auch der DAX hat sein altes All-Time-High souverän geknackt, was sogar die deutsche BILD-Zeitung dazu bewogen hat, eine Cover-Story zu bringen. Das sollte äußerst bedenklich stimmen.

Unter normalen Umständen schafft man es nur als zweiköpfige Kuh oder durch das Begehen schwerer Straftaten auf die Titelseite des „deutschen Qualitätsmediums“; Wirtschaftsmeldungen findet man – wenn überhaupt – eher als Randnotizen. Dennoch ist die BILD-Zeitung als auflagenstärkste Zeitung der Bundesrepublik in ihrem Einfluss nicht zu unterschätzen.

Aus der Anfangszeit der Computerspiele kennen manche von Ihnen vielleicht noch das Spiel „Lemmings“. Dort galt es eine Gruppe von putzigen Pixel-Tierchen mit grünen Haaren von der Erfüllung ihres einzigen Lebenszwecks abzuhalten: Dem kollektiven Selbstmord durch das Springen in den Abgrund.

Ein ähnlicher Herdentrieb ist auch bei Kleinanlegern auf dem Aktienmarkt zu beobachten. Bereits zwei Mal hat die BILD-Zeitung verlässlich große Verwerfungen an den Börsen „vorhergesagt“: Zuerst im Jahr 2000, als sie euphorisch auf den Zug, der zur Dot.com-Blase geführt hat, aufgesprungen ist. Damals haben in der Folge unzählige Kleinanleger einen Großteil ihrer Investition verloren. Ein weiteres Mal war die BILD-Zeitung von Aktien dann 2007 ganz begeistert – wenige Monate vor dem Kollaps von Lehmann Brothers; die Folgen sind bekannt.

Die Börsenweisheit „Sell in May and go away“ hat sich dieses Jahr (noch) nicht bewahrheitet. Dennoch ist Vorsicht geboten, betrachtet man die Fundamentaldaten: Noch niemals zuvor waren die Märkte in den USA, Japan und Europa mit so viel Liquidität geflutet, wie jetzt. Diese Liquidität kommt aber nicht in der Realwirtschaft an, was sich in den miserablen Wachstumszahlen und den hohen Arbeitslosenquoten widerspiegelt. Die Rally an den Börsen ist also zu einem großen Teil von Überliquidität getrieben. Das liegt aber nicht nur an den historisch niedrigen Zinsen, sondern vor allem an einem Mangel an Alternativen.

Die große Gefahr für Anleger am Aktienmarkt besteht momentan nicht darin, dass durch steigende Zinsen Kapital wieder in Anlageformen abfließt, sondern dass das „Big Money“, also institutionelle Großinvestoren, ganz gezielt die derzeitige Liquiditätsschwemme zur Ertragsoptimierung ausnützen will. Dafür sprechen auch die zuletzt wieder gestiegenen Käufe von Put-Optionen (also letzten Endes Wetten auf fallende Kurse). Wenn eine ausreichend große Zahl von institutionellen Investoren ihre Put-Optionen bündelt, in dem sie mit gezielten Großverkäufen ausgelöst werden, kann rasch eine Kettenreaktion in Gang gesetzt werden, die ein Kleinanleger weder vorhersehen, noch kontrollieren kann. Kombiniert man diese Put-Optionen dann noch mit entsprechend gewichteten Call-Optionen (also Kaufordern) am unteren Ende der Preis-Skala, kann man ordentlich Geld verdienen. Auch der zuletzt erfolgte Kurssturz des Goldpreises ist auf eine sehr ähnliche Weise zustande gekommen.

Historisch betrachtet ist der Herdentrieb an den Börsen immer mit Vorsicht zu genießen. Spätestens wenn es der BILD-Zeitung eine Titelgeschichte wert ist, sollten die Alarmglocken klingeln. Auch die leichte Erholung der Zinsen auf dem europäischen Bondmarkt spricht letztlich dafür, dass das Szenario eines neuerlichen Börsen-Crashs in greifbare Nähe gerückt ist. Für Kleinanleger an der Börse bedeutet das, dass man zwar vermutlich noch eine Weile auf dem Zug mitfahren kann, sich aber jedenfalls durch permanentes Nachziehen der Stop-Loss Grenzen absichern sollte. Denn besser, man bleibt mit seinem kleinen, aber realisierten Gewinn auf der Klippe stehen, als man rennt den Lemmingen so lange nach, bis man sich mitten im freien Fall wiederfindet.

Zum Autor
Philipp Marouschek (1978), studierte Rechtswissenschaften in Wien und Innsbruck. Er lebt und arbeitet als Schriftsteller in Berlin .

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten