Das Virus der Gleichgültigkeit hat Lehrer, Eltern und Schüler infiziert

Das Virus der Gleichgültigkeit hat Lehrer, Eltern und Schüler infiziert

Längst hat das lebensbedrohliche Virus der Gleichgültigkeit Lehrer, Eltern und Schüler infiziert. Sie ergeben sich ihrem Schicksal.

Der Begriff "tödliche Schule“ beschreibt das Virus, das die natürliche Neugierde, die bei allen Kindern grundsätzlich vorhanden ist, im Keim erstickt. Genauso wie es die Freude von Lehrern an ihrem Beruf schleichend absterben lässt, von der man annehmen darf, dass sie zu Beginn ihrer Berufslaufbahn vorhanden ist. Seit Generationen hat dieses Virus viele Schüler, Lehrer und Eltern in einer Weise infiziert, dass sie sich eine andere, bessere, lebendigere Schule nicht einmal mehr vorstellen können. In Gleichgültigkeit ergeben sie alle sich ihrem Schicksal.

Die "So als ob“-Schule

Schule in Österreich bedeutet vor allem: Wir haben eine "So als ob“-Schule. Sie findet in Gebäuden und mit Lehrplänen statt, die "so tun, als ob“ Kinder außerhalb der Turnstunde keinen Körper hätten. Dazu kommen Schulpolitiker, die "so tun, als ob“ von oben verordnete Schulreformen je in den Klassenzimmern ankommen. Es gibt Gewerkschafter, die "so tun, als ob“ es ihnen um die besten Lehrer ginge, und die tatsächlich Direktoren daran hindern, Mitarbeitergespräche mit allen ihren Lehrern zu führen. Wir haben Direktoren, die sich das gefallen lassen, "so als ob“ dadurch das Klima an ihrer Schule besser werden könnte. Eltern, die "so tun, als ob“ sie nicht wüssten, wozu ihre Kinder fähig sind.

Und alle "tun so, als ob“ es ihnen um das Wohl jedes einzelnen Kindes ginge.

Im Unterricht ist vor allem die "Osterhasenpädagogik“ ein Kennzeichen der tödlichen Schulen made in Austria: Der Lehrer versteckt das Wissen vor seinen Schülern, und die müssen danach suchen, "so als ob“ es Ostereier wären. Andere verteilen seit Jahren die gleichen lieblosen Arbeitsblätter, "so als ob“ durch deren stupides Ausfüllen Neugierde entfesselt werden könnte. Es darf daher nicht verwundern, dass die Schüler dann "so tun, als ob“ sie aufpassen würden, und bei Prüfungen simulieren, dass sie auch etwas verstanden hätten.

Die tödliche Schule will ausweichen statt begegnen, ignorieren statt konfrontieren, vortäuschen statt aufklären. Sie ist kalt und nicht warm. Sie ist schlicht und einfach verlogen, und dies verhindert alles.

Lüge Nummer 1: Unser Schulsystem wird nur schlechtgeredet

Österreich ist ein Land der Hilfsarbeiter: Acht von zehn Bewerbern um eine Lehrstelle scheitern ungeachtet eines positiven Hauptschulabschlusses bei den Aufnahmetests, die mittlerweile alle großen Unternehmen durchführen.

Österreich ist ein Land der Nachhilfelehrer: Mehr als drei Viertel der Eltern werden nach Dienstschluss zum unfreiwilligen Nachhilfelehrer ihrer Kinder. Sie leisten laut einer AK-Studie gratis die Arbeit von 47.000 Vollzeitbeschäftigten. Allein in Wien geben Eltern pro Kind 866 Euro jährlich zusätzlich für Nachhilfe aus.

Die Kluft zwischen den guten und den schlechten Schulen ist in Österreich riesig: So beträgt der Unterschied der Lernleistungen zwischen zwei gleich begabten Schülern an einer guten oder schlechten Schule zweieinhalb Schuljahre! Solange an einer gescheiterten Schule das Auswechseln der Schulleitung wegen Unfähigkeit und verpflichtende Schulungsmaßnahmen für das komplette Lehrerteam tabuisiert bleiben, werden die schlechten Schulen immer schlechter werden - und deren Schüler gleichfalls.

Lüge Nummer 2: Wir brauchen mehr Lehrer und mehr Geld

Im Jahr 1971 hatten wir 1.241.536 Schüler und 68.342 Lehrer. Im Jahr 2011 haben wir 1.166.525 Schüler und 124.921 Lehrer. Einfach formuliert: Die Zahl der Schüler ist in den letzten 40 Jahren leicht gesunken, die Zahl der Lehrer hat sich fast verdoppelt. Dividiert man die 1.166.525 Schüler durch die 124.921 Lehrer, dann kommt man auf ein Betreuungsverhältnis von einem Lehrer für 9,3 Schüler. Das wäre besser als in den teuersten Privatschulen der Welt. Warum kämpfen dann so viele Schulen damit, die gesetzlich vorgeschriebene Höchstzahl von 24 Schülern pro Klasse zu schaffen?

Abnehmende Schülerzahlen führen zu steigenden Kosten, leicht steigende Schülerzahlen lassen die Kosten explodieren. Sinkende Kosten kennt das System nicht. Der größte Kostentreiber ist das absurde Lehrerdienstrecht, das in 17 Gesetzen und Verordnungen geregelt ist. Ein bestimmter Ausdruck findet sich dort allerdings nicht: "individuelle Leistung“. Es gibt dafür individuell Kundige, die Schwachstellen im System auszunutzen wissen: So verdienen mehrere Hundert HTL-Lehrer mehr als 10.000 Euro im Monat brutto.

Es gab und gibt die Nutznießer der tödlichen Schule, die nach außen den Eindruck erwecken wollen, dass diese quicklebendig und in ihren besten Jahren sei. Doch sie sollten sich nicht zu sicher sein. Die unaufhaltsame Revolution - warum Lernen Freude machen wird - wird noch kommen.

Es gibt Tatsachen wie zum Beispiel jene, dass "zur Ader lassen“ kranke Menschen tötet. Bestimmte Gruppen haben das jahrhundertelang bekämpft. Irgendwann hat sich die Wahrheit dann jedoch gegen den Irrglauben durchgesetzt.

Oder: Vergleichen wir die Fotos von Büros, Bankfilialen oder Autofabriken vor 50 Jahren mit heutigen, dann sehen wir einen beeindruckenden technologischen Fortschritt. Machen wir diesen Vergleich mit Fotos von Schulen vor 50 Jahren und von heute, werden wir kaum einen Unterschied erkennen können. In keinem anderen Bereich unseres Lebens klafft die Lücke zwischen dem erzielten wissenschaftlichen Fortschritt und dessen tatsächlicher Nutzung zum Wohl der Menschen so weit auseinander wie in unseren Schulen.

Aber irgendwann wird es auch in den Schulen letztlich der technologische Fortschritt sein, der Tafel, Kreide und mittelalterliche Pädagogik hinwegfegen wird.

Die unaufhaltsame Revolution

Die Revolution des Lernens hat bereits begonnen: Salman Khan hat 3.200 Video-Lektionen von jeweils zehn Minuten Länge auf seiner Website www.khanacademy.org gestaltet. Diese führen auf einfache Weise in Mathematik und Naturwissenschaften ein. Zehn Minuten deshalb, weil das aufgrund von Forschungen die maximale Aufmerksamkeitsspanne für die meisten Schüler - und Erwachsenen - ist. In Summe wurden bisher über 160 Millionen Lektionen absolviert. Dafür hätte man bei durchschnittlich 25 Schülern pro Klasse und 50 Minuten Unterricht mehr als eineinviertel Millionen Lehrer benötigt. Nur ganz wenige davon wären in der Lage, mit der genial einfachen Lernmethode von Salman Khan auch nur annähernd mitzuhalten.

Warum ist der Begriff Revolution gerechtfertigt? Die Erfindung des Buchdrucks machte das geschriebene Wort plötzlich nicht nur für eine kleine Minderheit, sondern für Millionen zugänglich. Innovative Plattformen wie die Khan Academy ermöglichen es zum ersten Mal in der Geschichte allen Schülern, sich die besten Lehrer der Welt als die ihren auszuwählen - kostenlos und wann immer sie wollen.

Warum zum Beispiel sollte sich ein in Mathematik schwacher Schüler weiterhin mit einem pädagogisch noch schwächeren Mathematiklehrer plagen? Hat er doch entdeckt, dass er von Salman Khan alles von den Grundrechnungsarten bis zur Integralrechnung in der für ihn geeigneten Geschwindigkeit lernen kann.

Und irgendwann wird sich dieser Schüler dann schließlich fragen, warum er überhaupt noch den schlechten Unterricht besuchen soll, wenn er alle Mathematikschularbeiten positiv besteht? Wenn das aber einmal nicht nur ein Schüler in einer Klasse tut, sondern Zehntausende Schüler in Tausenden Klassen, dann wird man sie wohl nicht alle durchfallen lassen können - nur weil sie sich weigern, weiterhin ihre Zeit zu verschwenden.

Fragen für Skeptiker

Ich erlaube mir, Skeptikern drei Fragen zu stellen:

Frage 1: Glauben wir wirklich, dass in 20 Jahren noch immer ein Lehrer mit dem Rücken zu seinen Schülern vor einer Tafel stehen wird, um mit Kreide Formeln draufzuschreiben, die er dann wieder löscht, sobald die Tafel voll ist?

Frage 2: Glauben wir wirklich, dass es sich die Regierungen angesichts immer knapperer Budgets noch lange leisten werden können, mit aufgeblähten Schulverwaltungen ein System zu erhalten, das für immer weniger Schüler immer mehr Lehrer benötigt und trotzdem die Kosten für Nachhilfestunden explodieren lässt?

Frage 3: Glauben wir wirklich, dass im 21. Jahrhundert in Österreich eine Institution, deren Hauptzweck das Lernen ist, überleben kann, wenn 120.000 ihrer Mitglieder nicht zumindest über einen eigenen Computer verfügen, in Teams arbeiten und sich ständig weiterbilden müssen?

Ich wäre gespannt auf die Antworten. Und hoffe: Die tödliche Schule wird möglichst bald den Reformtod sterben.

- Andreas Salcher ist Österreichs härtester Bildungskritiker. In seinem neuen Buch "Nie mehr Schule" entlarvt er Täter und Mitläufer des Schulsystems, die dieses im pädagogischen Mittelalter einmauern wollen. In einem zweiten Band zeigt er Schulen, an denen es besser funktioniert und wo Kinder vom Unterricht berührt, statt perfektioniert werden.

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